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Wellenreiten im Rheintal

Mein Verein war in der 2. Julihälfte auf einem Fliegerlager beim FSV Neustadt/W. in Lachen-Speyerdorf. Bei einer sensationell freundlichen Aufnahme, großem Flugspaß und trotz in der 2. Hälfte eher mäßigem Wetter, sind fast 50 Niederrheiner auf ihre Kosten gekommen.

Ein bemerkenswerter Tag

Sehr bemerkenswert war der 21.7. An diesem Tag gelang es einigen Segelfliegern beider Vereine, Wellenformationen quer zum Rheintal zu finden, die uns bis in FL120 trugen. Ich war einer der Glücklichen. Wenn ich Sauerstoff dabei gehabt hätte, wären auch mehr als FL120 möglich gewesen. Aber ohne das lebenswichtige Gas, hab ich mich nicht höher getraut. Freundlicherweise hat der verantwortliche FIS-Lotse die entsprechende Freigabe (auch für den Abstieg) völlig problemlos erteilt. Kleine Anekdote am Rande: Auf meine Frage, in welche Richtung ich denn aus FL120 abgleiten solle, um niemanden zu behindern, kam die lachende Antwort: „Sie können irgendwo hinfliegen, das ist totes Gelände“. Allerdings besitzt mein Flugzeug auch einen Transponder.

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Der Beweis – FL120 über der Pfalz

Es riecht nach Welle

Wir hatten morgens bereits mit einigen Wellenverrückten darüber spekuliert, ob ein Einstieg in Wellen möglich sei. Früh hatten sich an diesem Tag „Wellenkappen“ auf den CU gebildet. Wir konnten uns morgens nur den Auslöser nicht recht erklären. Am Boden war Wind aus SE mit vielleicht 10-15km/h. Die Wellen schienen aber eher W-E ausgerichtet zu sein.

Nachdem wir dann abends bei Weinschorle die Erlebnisse des Tages austauschten, kam immer wieder die Rede auf Thermo-Ondas als möglicher Grund für unsere Höhenflüge. Ich hatte noch dunkel im Hinterkopf, mit 15 oder 16 mal etwas über Thermo-Ondas in Manfred Kreipls tollem Buch „Mit dem Wetter Segelfliegen“ gelesen zu haben. Aber so richtig erinnern konnte ich mich an die Details nicht.

Mit dem Wetter Segelfliegen

Beim erneuten Nachlesen nach dem Urlaub kamen mir jedoch Zweifel. Kreipl schreibt, dass ein orografischer Auslöser für diese Thermik-Wellen erforderlich ist.  „Unsere“ Welle stand aber quer zum Verlauf des Pfälzer Wald (also eher W-E ausgerichtet) und in der Rheinebene. Einzig die Erklärung „C“ (S.88ff),  „Bänder von Cumulus- oder Stratuswolken parallel zum Wind“ könnte passen, wenn man mit „Wind“ den Höhenwind bezeichnet, der in etwa in Basishöhe weht. Denn bodennah hatten wir an diesem Tag eher Wind aus 110 Grad mit 10-15km/h. Ebenso vielleicht Kreipls Erklärung über Massenzunahme in Tälern durch Einströmende Luftmassen.

Alternativ – und für mich passender – kommt auch die Erklärung für „Wellenströmung oberhalb von Cumulusstrassen“ (S. 91 ff) in Frage. Hier ist entscheidend eine Inversion etwas oberhalb des Basis-Niveaus sowie eine in etwa rechtwinklig zum Bodenwind wehende Höhenströmung.

Zahlen, Daten, Fakten

Schauen wir also mal auf die Wetterdaten vom 21.7. Das unten stehende Vertikalprofil (Quelle: weatheronline.de) aus Idar-Oberstein vom 21.7. zeigt eine ausgeprägte Inversion in ca. 2.500m. Außerdem kann man sehen, dass in etwa in 1.500 – 2.000m eine deutliche Winddrehung stattfindet verbunden mit einer erheblichen Zunahme der Windgeschwindigkeit. Leider habe ich keinen Sondenaufstieg finden können aus der Rheinebene, aber am Boden in Lachen-Speyerdorf waren es etwa 110 Grad mit 10-15km/h.

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Vertikalprofil von Idar-Oberstein (Quelle: weatheronline.de)

Auch das Windprofil von Wetter-Jetzt (die Quelle dieser Bilder) zeigt in 3.500ft eine eher südliche bis östliche Strömung im Rheintal, während der Wind bereits in FL85 mit bis zu 25kts aus westlichen Richtungen kommt.

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Windvorhersage von TopMeteo für 3.500ft

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Windvorhersage von TopMeteo für FL85 – deutlicher Westschwenk und erhebliche Windzunahme

Die Beschreibung von Kreipl passt gut zu dem von mir gefundenen  Einstieg in die Welle. Bereits beim ersten Auskreisen eines Bartes kam mir 200-300m unter der Basis die Turbulenz irgendwie „unpassend“ zur Stärke des Aufwinds vor. Irgendwie fühlten sich die Bärte unter den CU teilweise an, wie Rotoren.  Sehr turbulent, zum Teil nur sehr schwer zu zentrieren und häufig mit „wanderndem“ Zentrum. Ich flog eine lange Cumulus-Wurst in Richtung Osten ab, auf die vor Heidelberg teilweise rabiates Sinken folgte. Da der Odenwald auch nicht so überzeugend aussah, beschloß ich, mal den Welleneinstieg zu versuchen.

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Aufstieg vor der Wolkenwurst. Blick nach W.

Bereits beim ersten Versuch (in etwa bei 12:48 im OLC Viewer) fand ich schwaches laminares Steigen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nicht begriffen, dass der Höhenwind aus SW-W wehte und habe eigentlich an der falschen Seite (S bis SE) der Wolke gesucht. Nachdem ich allerdings die Basis überstiegen hatte und mich quasi vor einer riesigen Wolkenwurst (immer noch die, unter der ich von Neustadt bis Hockenheim geflogen war) laminar nach oben mogelte, bemerkte ich meinen Fehler. Als ich dann auch begriff, dass der Höhenwind nicht nur die Richtung gewechselt hatte, sondern auch seine Stärke (55km/h lt. xcsoar) klappte es mit dem Aufstieg relativ kommod. Ich hab mich dauernd gewundert, wieso beim Achten fliegen vor der Wolke S-lich von mir neue Kondenzen auftauchten. Bis mir dann klar wurde das nicht S-lich von mir Wolken auftauchten, sondern ich langsam N-lich in die Flusen versetzt wurde.

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Geschafft – über den ersten CUs mit tollem Blick auf Speyer.

Da nach Westen alles relativ wolkenreich aussah , beschloß ich in Richtung Süden zu fliegen (ein Fehler, wie das nachstehende Satellitenbild zeigt), um dort nach weiteren Wellen Ausschau zu halten. Wie man dem OLC Viewer entnehmen kann, gelang mir dies noch 2x. Allerdings waren die dort vorgefundenen Wellen deutlich schwächer und zum Teil auch weniger gut strukturiert. Wie das Satellitenbild von 12:00 UTC zeigt, wäre es viel schlauer gewesen, nach Westen zu fliegen und die dort noch viel ausgeprägteren Wellenstrukturen zu erfliegen. Naja, vielleicht beim nächsten Mal.

Alternativ könnte das natürlich auch eine ganz ordinäre orografische Welle über dem Pfälzer Wald gewesen sein, die ein wenig in die Ebene hineingeschwappt ist (dann wäre Kreipls Thermik-Onda doch wieder im Rennen). Um das beurteilen zu können, fehlt mir aber die Kenntnis der Hardt- und sonstigen Pfälzer-Wald Wellen.

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Wellenstrukturen bis weit nach Luxemburg und Frankreich hinein (Quelle: TopMeteo)

Fazit

Ich tendiere dazu, dass wir an diesem Tag nicht in einer Thermo-Onda unterwegs waren – auch wenn einige Indikatoren dafür sprechen könnten. Die von Kreipl beschriebenen Wellen quer zu Wolkenreihungen scheinen mir eher der Grund für unsere schönen Flüge gewesen zu sein. Sowohl die Richtung der Reihungen, als auch die Lage der Wellen passt gut zu den am 21.7. vorgefundenen Windbedingungen.

In jedem Fall werde ich zukünftig auch genauer auf die Richtung des Höhenwindes achten (oberhalb der vorhergesagten Arbeitshöhe). Hab ich bisher meist ignoriert – ein Fehler, wie dieser Tag zeigt.

Wer sich an Diskussion und/oder Spekulation zu den Welleneffekten des 21.7. beteiligen mag, kann dies gern über die Kommentarfunktion hier tun. Ich freue mich über erhellende Erkenntnisse.

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Der Vereinskühlschrank

Sicher habt Ihr auch einen Kühlschrank in Euerm Vereinsheim für Getränke. Ich kenne zwei Modelle für die Benutzung: es gibt einen Thekendienst und nur wenn die Thekendienstler vor Ort sind, gibt es was zu Trinken – meist gegen Cash. Oder es gibt das Prinzip „Vertrauen“ – jeder nimmt sich, was er will und legt das Geld dafür in die Kasse. Dieser zweite Ansatz kommt in verschiedenen Varianten daher: Geld direkt in eine Kasse werfen, Strichliste, Wertmarken etc.

Wir haben bisher das letztere Modell bei uns im Einsatz. Allerdings hatten wir im letzten Jahr vermehrt das Problem, nicht bezahlter Getränke. Im Kern liegt das sicher nicht daran, dass Mitglieder sich bewußt als Zechpreller profilieren wollten. Es liegt wohl eher daran, dass man gerade kein Geld hat, nachher mit einem 10er bezahlen will, kein Wechselgeld da ist usw. usf. Diese unschöne Situation wollten wir ändern.

Ein Produkt muß her

Unser Ziel: Kühlschranköffnung nur nach vorheriger Identifikation, am liebsten bargeldlose Zahlung, einfachste Abrechnung für den Kassierer (wir haben 150+ Aktive) Budget deutlich unter €1.000,-.

Erster Gedanke: wir kaufen ein professioneller Kassensystem aus dem Gaststättengewerbe. Normale Geräte liegen so zwischen €300-€400 und mehreren tausenden Euro. Problem: die sind für Bar- und/oder Kartenzahlung gedacht – für ein Restaurant eben. Nach längerer Sucherei habe ich sogenannte Kantinensysteme gefunden, die Bezahlung über „Mitarbeiterausweise“ oder RFID Chips erlauben. Einzig der Preis war mit mehreren tausend Euro deutlich ausserhalb des Budget. Das alles bei Hardwarekosten (selber stundenlang bei alibaba recherchiert) im Bereich von 50-100 Euronen. Lachhaft!

Ok. Plan B – wir nehmen einen dieser Kühlschränke mit Geldeinwurf. Die Dinger kosten in der Größe, die wir brauchen um die €5.000,- und auch gebraucht noch um die €3.000,-. Also auch Fehlanzeige.

Mist – es gibt nix

Bleibt daher nur selber was bauen. Ich hasse das eigentlich – der Verein macht sich abhängig von einem Einzelnen und kann den nicht mal in Arsch treten, wenn’s klemmt. Ist ja alles ehrenamtlich. Und ich (in diesem Fall der Autor der SW) hab den Verein an der Backe, der natürlich zu recht professionelle Qualität erwartet. Hilft aber nix. Ist im Moment der einzige Weg.

Basierend auf billigem China-Zeugs, einem Raspberry Pi und ein wenig PHP und Python Programmierung habe ich einen Kassenrechner gebaut, der:

  1. komplett bargeldlos arbeitet auf der Basis von RFID Chips, die zumindest unsere Motorflieger ohnehin bereits haben für die Flugabrechnung der Motorflüge.
  2. Alle Produkte via Barcode Scan erfasst
  3. Unseren Kühlschrank mittels Magnetschloß öffnen und schließen kann
  4. Eine Partyfunktionen für die Bewältigung von Feiern bietet: Feiern, zu der jemand einlädt und Feiern, bei denen der Kühlschrank offen bleibt, aber jeder einzeln zahlen muß.
  5. Die Konfiguration von Produkten und „Kunden“ erfolgt über eine simple Web-Schnittstelle
  6. Abrechnungsdaten stehen als CSV zur Verfügung, aus der man mit einer Pivot-Tabelle leicht eine Monatsrechnung generieren kann.

Wie so ein Bezahlvorgang funktioniert, seigt Euch Anna-Lena im folgenden Video

Wird das mal ein Produkt?

Eine Reihe von Leuten haben mir geraten, ein Produkt aus der Sache zu machen. Ich bin mir allerdings in keiner Weise sicher, ob dafür überhaupt ein Bedarf ist. Ausserdem gibt es bisher genau einen „Kunden“, nämlich meinen Verein. Das ist ein wenig dünn für eine Produktentwicklung.

Daher hier meine Einladung: wer so ein System für seinen Verein interessant findet UND fit genug ist, die Hardware zusammen zu bauen (von mir gibt’s bei großer Not telefonischen Support), dem würde ich die Software einstweilen umsonst überlassen. Die Hardwarekosten liegen bei etwas über €200,-:

  1. Raspi, ca. €45,-
  2. Relais-Bord zum Schalten des Schlosses: ca. €5,-
  3. USB-RFID Scanner: ca. €5,-
  4. USB Bardcode Scanner: ca. €18,-
  5. Raspi 7“ Touch Display: ca. €75,-
  6. Magnetschloß: ca. €20,-
  7. Gehäuse: ca. €10,-

Bei Interesse könnt Ihr mich via email kontaktieren.

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Ein Gespräch mit Josef Prasser

Kestrel-Besitzer werden es wissen, die anderen erfahren es jetzt: Josef „Sepp“ Prasser (Konstruktion und Statik) und Dieter Althaus(*)(Aerodynamik) gelten als die Väter des Kestrel. Beide Herren sind aber nicht nur wegen des Kestrel bekannt. Wir Segelflieger haben ihnen eine Menge technischer Innovationen zu verdanken.

Kestrel mit traumhafter Lackierung

Kestrel mit traumhafter Lackierung

Bei meinem Besuch beim Glaslflügel FlyIn 2016 hatte ich die Chance, Sepp Prasser kennenzulernen, der dort ebenfalls mit seinem Kestrel war. Im Rahmen des Glasflügel-Abends am Samstag berichtete Sepp ein wenig aus seiner Glasflügel-Zeit. Leider war nicht alles richtig gut zu verstehen, denn er hatte sich irgendwie eine kleine Erkältung zugezogen. Im Rahmen meines Berichtes über das Glasflügeltreffen wollte ich zu gern auch seine Geschichten als Vater „meines Kestrel“ verarbeiten. Und so verabredeten wir uns zu einem Telefonat, um meine noch offenen Fragen zu besprechen.

Das alles hat natürlich mehr Zeit in Anspruch genommen, als das „Haltbarkeitsdatum“ brandneuer Informationen verträgt. So ist der Artikel über das FlyIn bereits an die Presse ‚raus und auch mein Blog-Beitrag ist schon veröffentlicht. Sepp Prasser ist so ein interessanter Mensch und vor allem so voll von interessanten Geschichten über die Segelfliegerei, dass ich mich daher entschlossen habe, ihm einen kompletten eigenen Blog-Beitrag zu widmen.

Halle der Glasfllügel Endmontage (C) Jan Max Mayer

Halle der Glasfllügel Endmontage (C) Jan Max Mayer

Der Anfang

Sepp kam im Herbst 1966 zu Eugen Hänle und seiner Firma Glasflügel. Auslöser war 1965 der Wunsch der Fliegergruppe in Neu-Ulm nach einem Kunststoff Segelflugzeug. Damals gab es zwei Hersteller – fast wie heute 🙂 – zu denen man für solch ein Flugzeug gehen konnte. Bölkow in Laupheim und Glasflügel in Schattstall. Sepp und sein Kamerad Günter Pöschel empfahlen dem Vorstand der Neu-Ulmer Segelflieger, eine H301 Libelle zu kaufen. Nicht ohne beide Werke vorher besichtigt zu haben. Man stelle sich das heute vor – wir besichtigen zunächst die Produktion bei Schempp-Hirth und Schleicher, um dann das Produkt eines der beiden Hersteller zu bestellen. Das war der erste Kontakt zwischen Eugen Hänle und Sepp Prasser. Zwischen diesem ersten Kontakt und seinem Einstieg bei Glasflügel lagen dann aber noch aufregende Monate und die Durchführung der BS1 Rumpfbruch-Versuche an der Fachhochschule, an der Sepp beschäftigt war.

Seine erste Tat bei Glasflügel waren Arbeiten an an seitenzug-unempfindlichen Kupplungen mit einstellbarer Seillastbegrenzung. Damals gab es offenbar eine Reihe von Unfällen hervorgerufen durch Kupplungen, die sich unter Last oder unter bestimmten Seilzugwinkeln nicht oder nur schlecht öffnen liessen. Zudem hasste Eugen Hänle den Umbau der Sollbruchstellen des Schleppseiles zwischen dem Vereins-Bergfalken und seiner leichten H30. Aus einer Reihe von Ideen und Versuchen entwickelte sich so unter Zutun von Sepp der „Hänle Winkel“, jener Metall-Winkel, der die Schwerpunktkupplung jedes Glasflügel-Flugzeugs ziert.

Die „Prasser-Tüte“

Während der Präsentation in Saulgau sagte Sepp, dass er der Erfinder der automatischen Ruderanschlüsse ist, der Hänle-Tüten. Das war mir vorher gar nicht bekannt. Damit müssten sie streng genommen ja Prasser-Tüten heissen. Ich wollte von Sepp wissen, was ihn zur Erfindung dieser Ruderanschlüsse bewogen hat, die man heute standardmäßig in jedem modernen Segelflugzeug findet.

Auslöser war ein Flugtag in Laichingen. Dort flog man den vereinseigenen Kestrel in einem schnellen und tiefen Überflug vor. Sepp sah, wie eines der Querruder wackelte. Offensichtlich war es nicht richtig angeschlossen. Der Kestrel hat bereits automatische Anschlüsse für Luftbremsen und Wölbklappen mittels Torsionsantrieben. Das Querruder aber wird über eine Art „fast-automatischen“ Anschluß mit der im Rumpf liegenden Steuerung verbunden. Die eigentliche Kraftübertragung muß durch einen kleinen Federbolzen hergestellt werden, der die im Rumpf liegende „Gelenkpfanne“ mit dem aus der Flügelwurzel ragenden Antrieb verbindet. Offensichtlich war hier beim Aufrüsten und Checken etwas schiefgegangen.

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Ruderanschlüsse beim Kestrel. Man sieht gut die beiden Torsionsantriebe für die Anschlüsse der Bremsklappe (vorderer) und Wölbklappe (hinterer)

Ist mir auch schon passiert. Und als ich es einem alten Kestrel-Piloten erzählte, meinte der nur lapidar: ja, das ist vielen Kestrel-Piloten schon passiert :-). Beruhigend dabei ist nur, dass die QR/WK Überlagerung beim Kestrel auch in solch einem Fall eine gewisse QR Funktion über die WK sicherstellt. Jedenfalls fing Sepp gleich am Sonntagabend nach dem Flugtag an, über eine Lösung des Problems nachzudenken. Montags bei Glasflügel folgte dann zunächst das Studium der einschlägigen Patentschriften. Wie schwierig das in Prä-Suchmaschinen-Zeiten gewesen sein muß.

Es gab offenbar nichts, was man an Patenten hätte nutzen oder verletzten können. Ganz so einfach ist das Problem allerdings nicht in den Griff zu bekommen: die Lösung musste „tolerant“ sein in Bezug auf die beim Aufrüsten unweigerlich entstehenden leichten Verkantungen. Andererseits musste sie natürlich spielfrei sein. Herausgekommen sind am Ende die „Hänle-Tüten“, die als erstes in der Club-Libelle verbaut wurden. Später dann im Mosquito und Mini-Nimbus und mit dem Ende von Glasflügel auch in weiteren Flugzeugen von Schempp-Hirth. Heute findet man sie praktisch in allen Segelflugzeugen.

Anschlüsse flächenseitig. Neben den beiden Torsionsanschlüssen sieht man den Anschluß des Querruders

Anschlüsse flächenseitig. Neben den beiden Torsionsanschlüssen sieht man unten den Anschluß des Querruders

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QR-Anlenkung im Rumpf. Wenn die flächenseitige Anlenkung eingeführt ist, wird ein kleiner Federbolzen durch das Loch gesteckt.

Keine Patente – aber Preise

Eugen Hänle hielt – zu unserem Glück – nichts vom Patentieren. Er war der Ansicht, dass der Nutzen in keinem Verhältnis stand zum zusätzlichen Ertrag. Schade, mit dem Aufkommen digitaler – und vor allem US dominierter – Technologien hat sich Menschheit leider von dieser Weltsicht verabschiedet. Der erste „Nicht-Glasflügel“, in dem eine solche Tüte verbaut wurde ist übrigens die Grob G109 – nicht für alle Ruder, allerdings. Sepp Prasser hat bis auf ein Glas Weizenbier (von einem nicht näher genannten Lizenznehmer) übrigens niemals eine monetäre Würdigung dieser Erfindung erfahren. Im Jahr 2012 hat die OSTIV aber Sepps ausserordentliche Verdienste für die Sicherheit von Segelflugzeugen mit einem Preis gewürdigt. Zu diesen Verdiensten zählen natürlich nicht nur die automatischen Ruderanschlüsse, sondern z.B. auch das zweischalige Flugzeug-Cockpit, dass im Falle eines Crashs möglichst viel Energie aufnehmen soll.

Ein eindrucksvolles Zeugnis der Sinnhaftigkeit dieser Konstruktion gab Klaus Keim während des Glasflügeltreffens in Saulgau. Ende der 60er Jahre verunglückte er mit einem Kestrel bei einer Außenlandung. Beim Anflug blieb er mit dem Flügel in einem Baum hängen. Das Flugzeug fiel mehr oder weniger ungebremst aus erheblicher Höhe auf’s Cockpit. Ausser ein paar Schrammen, viel Muskelkater am nächsten Tag und einem geschrotteten Kestrel ist dabei nichts passiert. Ein just im Moment des Einschlags im Anflug befindlicher Nimbus-Pilot berichtete später, wie sich das gesamte Kestrel-Cockpit ausgebeult und verformt habe. Sein erste Frage an Klaus nach der Landung war, ob er schon beim verunfallten Kestrel-Pilot gewesen sei. Klaus Antwort, er sei der Pilot, konnte der Nimbus-Pilot zunächst gar nicht glauben. Heute fordert die EASA übrigens, dass Cockpits bis zu einem Aufprall von 9g geprüft werden. Piloten, die in solchen Cockpits verunfallen, müssen heute Beschleunigungen in eben dieser Höhe bewältigen. Man weiß nicht recht, welchen Nutzen solche Vorgaben haben.

Das Parallelogramm

Die nächste Frage, die ich an Sepp Prasser stellte, Ihr ahnt es schon: wie kam es zu Erfindung der Parallelogramm-Steuerung. Glasflügel-Fans kennen sie – und auch DG oder 304CZ Piloten. Die Parallelogramm-Steuerung erzeugt eine andere, für manche komische Handbewegung bei der Steuerung um die Querachse. Die Bewegung um die Querachse steuert man aus dem Cockpit mit einer nahezu waagerechten (vor-zurück) Bewegung. Wie kommt man auf sowas, hab ich Sepp gefragt.

Sepp ist in den 60ern häufig mit der H301 Libelle – mit einem gekröpften Knüppel – überland unterwegs gewesen. Dabei traf er nicht selten auf Rudi Lindner. Phoebus gegen H301 Libelle. Man schenkte sich nichts und genau wie heut wurde zwischen den Aufwinden mächtig Gas gegeben. Und wie es so ist, wenn man bei guter Thermik schnell fliegt: die Böen packen einen. In irgendeiner dieser Böe hat es Sepp ein Stück aus dem Sitz gelupft. In der Folge gab es natürlich eine Bewegung um die Querachse – er hat ja dabei den Knüppel nicht losgelassen. Die daraus folgende Schwingung war so heftig, dass nicht nur Sepp sorgenvoll auf die Libellenflügel schaute. Auch Rudi, der in seinem Phoebus dicht daneben flog, fragte zaghaft nach dem Wohlbefinden der H301 Libelle und des Piloten. Ganz offensichtlich hatte eine kräftige Böe dazu geführt, dass die H301 Libelle Manöver flog, von denen man nicht 100% sicher sein konnte, dass sie wirklich dafür gemacht war. Alles ausgelöst durch eine Böe.

Und wieder: der Sonntagabend nach diesem Ereignis war angefüllt von Überlegungen für einen böenunempfindlichen Knüppel. Herausgekommen ist die Parallelogrammsteuerung, wie wir sie kennen. Serienmäßig zum erstenmal 1967 in einen Kestrel eingebaut. Auch hier gab es weder ein Patent noch große Befindlichkeiten die Abwehr von Nachahmern betreffend. Wilhelm Dirks hat dieses System später in die DGs eingebaut. Allerdings mit um 90 Grad gedrehter Parallelogrammführung, so dass die DG Steuerung eine – für Glasflügel Piloten seltsame – Seitwärtsbewegung vollführt zwischen voll gedrückt und voll gezogen. Natürlich – so Sepp – gab es ähnliche Steuerungen vorher schon. Jede Cessna mit ihrem Steuerhorn hat eine ähnlich Form der Höhensteuerung. Allerdings gänzlich anders aufgebaut – und vor allem weniger kompakt – konstruiert.

Ich möchte mich an dieser Stelle ganz besonders bedanken bei Sepp Prasser. Sepp hat mir sehr offen und garniert mit vielen – hier nicht immer zitierfähigen Anekdoten – diese Zeit der Fliegerei ein wenig näher gebracht. Für seine Schilderungen dieser nunmehr um die 50 Jahre alten Geschichten bin ich ihm sehr dankbar und freue mich, dass ich sie hier veröffentlichen darf.

(*) Diplom-Physiker Dieter Althaus war Leiter des Laminarwindkanals am Stuttgarter Institut für Strömungslehre und arbeitete mit Prof. X. Wortmann und Richard Eppler an unzähligen (vor allem laminaren) Flügelprofilen.

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Veteranenschau – Glasflügeltreffen in Saulgau

Ich wollte immer einen Kestrel haben. So lange ich denken kann. Und das reicht ungefähr zurück bis an den Anfang der 70er Jahre. Ich glaube heute, dass das ZDF daran schuld ist. Erinnert sich noch wer an den „ZDF Sportspiegel“ über Jochen von Kalckreuth? Vor ein paar Jahren hab ich mir vom ZDF eine DVD mit der Kopie der Sendung bestellt. Karl Senne hat Jochen über einige Tage begleitet bei dem Versuch ein 850km Dreieck (oder lieber noch etwas mehr) in den Alpen zu fliegen. In dem 45min Beitrag fliegt dauernd Jochens Kestrel „Orion“ durch’s Bild. Und beim Wiederansehen fiel’s mir wieder ein: ja, genau so einen wollte ich damals fliegen können. Das muß 1976 gewesen sein und ich musste noch 2 Jahre warten, bis ich überhaupt Segelfliegen lernen konnte. Es hat dann noch ca. 33 Jahre gedauert. 2008 hatte ich die Chance, in eine Haltergemeinschaft eines Kestrel (WNr. 105, BJ 1974) einzusteigen. Mein Traum ging in Erfüllung. Und irgendwie hab ich den Kestrel eigentlich nie als Oldtimer betrachtet – so wie man vielleicht einen alten Buckel-Volvo als Oldtimer betrachten würde. In der nunmehr 9. Saison begleitet er mich eben als „mein Flugzeug“ durch meine Segelfliegerei. Mir kam nie so wirklich in den Sinn, dass ich mit einem echt alten Kasten in der Weltgeschichte rumfliege.

Das ZDF hat in der Reihe „Der Sportspiegel“ am 15. September 1976 einen 
Bericht über Jochen von Kalckreuth gesendet, den man auf DVD bestellen 
kann.

Die Adresse lautet:
Zweites Deutsches Fernsehen
HA Honorare und Lizenzen
Programmverwertung und -übernahme
ZDF-Straße 1
D-55127 Mainz
Die E-Mail Adresse ist: programmservice@zdf.de

Das hat sich letztes Wochenende geändert. Ich war zum 2. Mal auf einem Glasflügeltreffen. Nach 2015 in Rheinermark war ich dieses Jahr zum 50. Jahre Jubiläumstreffen in Bad Saulgau. Da waren noch ca. 90 andere Glasflügelmaschinen mit zusammen gut 200 Glasflügel Fans. Mir wurde da erst so richtig bewußt – ich fliege einen Oldtimer. Eigentlich sollte ich beim LBA das Kennzeichen D-2402H beantragen. Mir wurde schmerzlich bewußt, wie alt mein Flugzeug – und die vielen anderen Maschinen (und manche Piloten :-P) in Saulgau – eigentlich schon ist.

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Eine BS1 (WL) – einer der Urväter des GFK Serienbaus.

Das hat mich in eine Art Sinnkrise gestürzt. Muß ich jetzt über eine Generalrestauration nachdenken? Darf ich meinen geliebten Kestrel nur noch zu Oldtimer-Treffen aus dem Anhänger ziehen? Muß ich dauernd mit einem Putzlappen drüberwienern? Darf man den nur noch mit so weißen Baumwollhandschuhen aufrüsten? Ich weiß nicht. Vielleicht kommt das ja noch so? Oder weggeben und was Neuers kaufen? Bringe ich nicht übers Herz. Vermutlich müssen wir gemeinsam (ganz) alt werden.

Aber eigentlich wollte ich ja vom Glasflügeltreffen 2016 berichten. Juppi – mein Haltergemeinschafts-Kestrel-Partner – und ich sind am Freitag morgen los. Eigentlich wollten wir früh los. Aber dann haben wir uns doch erst um 9:30 am Platz verabredet. Man wird halt alt. Und wir kommen vom Niederrhein!

Camping-Krams in Juppis Kombi laden, Anhänger checken und los. Schon in Mönchengladbach – kaum 25km nach dem Start – fiel uns auf: wo ist eigentlich das Bordbuch? Kurzes Nachdenken. Im Spind. In Grefrath. Super Sache. Also runter von der Bahn mit dem Krokodiltransporter, wenden und zurück zum Flugplatz. So kann man den Tag auch verbringen.

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Glasflügel Flugzeuge, soweit das Auge reicht. Unser Anhänger steht ganz hinten, kurz vor’m Bodensee. Bild: (c) Jan Max Mayer

Im 2. Anlauf sind wir dann tatsächlich mit allem losgefahren, was wir brauchen. Immer um die Staus herum. Bis Filderstadt. Ab da hat uns das Navi durch die schwäbische Pampa nach Saulgau geleitet. Eigentlich ist das gar keine so weite Entfernung. Nicht für einen Nordrhein-Vandalen jedenfalls. Aber die Alb und Oberschwaben sind voll von fleißigen Bauern, Handwerkern und Vespa-Fahrern. Hinter denen sind wir vorsichtshalber ganz behutsam nach Saulgau gefahren. So haben wir rekordverdächtige 7:30h für 600km gebraucht.

Bestimmt sind wir die ersten. Die meisten Teilnehmer kommen sicher von der Alb. Die tauchen dann erst Samstag morgen auf. Das war zumindest bis kurz vor dem Flugplatz unsere Erwartungshaltung. Unser Stellplatz in Saulgau lag dann allerding bereits im Seewind-Bereich des Bodensees. Ich glaube, wir waren die vorletzten oder so. Jedenfalls stand der Flugplatz Saulgau bereits am Fr. knallevoll mit historischen Flugzeugen aus den Anfängen des GFK Zeitalters. Und wir ganz hinten. Wären wir mal früher losgefahren.

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Gemütliches Klönen an historischem Ort: hier wurden unsere Schätze endmontiert. Im Hintergrund ein „Hippie“. Bild: (c) Jan Max Mayer

Und wie immer, wenn man irgendwo auf eine größere Gruppe von Segelfliegern trifft: man kennt garantiert einen oder kennt einen der einen kennt, usw. Auf jeden Fall waren wir bereits vor dem erfolgreichen Zusammenbau der Zelte auf ein gutes Dutzend bekannter Gesichter gestossen. Schön. So durfte das weitergehen. Dennoch: trotz der vielen Piloten und Flugzeuge fanden wir einen prima Platz auf dem zum Campingplatz umfunktionierten Kinderspielplatz. Nach einem gemütlichen Abend mit alten und neuen Bekannten und Geschichten dann einrollen zur kalten Nacht im Zelt.

Morgens ein 1A Frühstück vom Flugplatzwirt. Ich bin beruflich viel auf Achse – und ich kenne eine Menge Hotels, deren Frühstück es nicht aufnehmen kann mit dem, was wir in Saulgau bekommen haben. 1A. Allererste Sahne. Dann Briefing: schwäbisch entspannt. Ha-No, Ihr hennts ja gsähn. Där Platz isch ziemlich voll. Ihr misset halt Geduld habn und macht’s ka Sträß. Des isch a Hobby.

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4 PA 18 (drei von der BL Staffel) haben uns in die Luft gezerrt

Streß machen war auch gar nicht nötig. Mit 5 Schleppern konnten sich die ca. 60 flugwilligen Oldtimer-Besitzer an den schönen blau-weißen oberschwäbischen Himmel ziehen lassen. Ein schöner Flugtag nahm seinen Gang. Und in seinem Verlauf konnte man am Himmel so ziemlich alles fliegen sehen, was jemals die Hallen in Saulgau verlassen hatte: doppelrädrige Libelle, drei (in Worten 3) 604, zwei BS1, Kestrelletten und Libellen so weit das Auge reicht. Bis auf einen etwas unglücklichen Landeschaden (GFK kaputt, Pilot unversehrt) haben alle diesen „Großansturm“ gut überstanden. Nicht zuletzt dank der hervorragenden Arbeit und trotz großer Hitze hochmotivierten Mitglieder der Saulgauer Segelflieger und der fünf nimmermüden Schlepper.

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Wunderschöner Keschtrel in wunderschöner Lackierung.

Das Highlight des Abends dann schwäbische Küche, ein Vortrag von Peter Selinger und Anekdoten von gut 10 anwesenden Ex-Glasflügel-Mitarbeitern. Ich will ehrlich sein – mit der schwäbischen Küche werde ich nicht mehr warm auf meine alten Tage. Dafür waren Peter und die Glasflügel-Gang umso besser und haben mir geholfen, über den Kohlehydrat-Schock hinwegzukommen.

Peter berichtete über die „ersten 10 Jahre“ des Glasfaserverbundbaus von Segelflugzeugen sowie die bis in die 1940er Jahr zurückreichenden Wurzeln eben dieser Bauweise. Hochinteressant. Wußte jemand, dass die Japaner bereits in den 40er Jahren Flugzeuge aus Verbundmaterialien gebaut haben? Auch Peter hat das erst jüngst erfahren.

 

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Diese Herren haben (unter anderem) unsere geliebten Glasflügel Flugzeuge entworfen und hergestellt. Bild: (c) Jan Max Mayer

Danach Anekdoten und Geschichten aus der Zeit der Firma Glasflügel. Wir haben gelernt, das Eugen bei Bruchversuchen lieber nie dabei war. Und dass Heli Lasch bei einem Absprung aus einer abmontierten BS1 einen Schuh verloren hat.Das Ganze mit einem Fallschirm von 1945, von dem niemand so genau wußte, ob überhaupt sich überhaupt ein Fallschirm im innern befindet. Und garniert mit dem Kommentar: „I hen die schöne BS1 zerschmissen“.

Sepp Prasser erläuterte uns, warum er die „Hänle-Tüte“ erfunden hat und wieso er einen Parallelogramm-Knüppel ersonnen hat. Wir erfuhren von Prä-Computer-Zeit Rechenverfahren für die Auslegung von Flügeln: „nä, des langt net, da misset noch a paar Lage mähr Gewäbe nauf“. Schon beeindruckend, wie leicht es mal war, gute Flugzeuge zu bauen. Heute sind die Flugzeuge von vornherein perfekt. Das LBA und die EASA erhalten jeweils eine Tonne Papier. Aber wie sie wohl in 40 Jahren aussehen, diese Flugzeuge. Ein wirklich interessanter Abend verging wie im Fluge.

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Premiere: unser Keschtrel nächtigt draussen

Am Sonntag – nach einem erneuten Bombemfrühstück – Formationsfliegen der drei 604 im Schlepptau der BravoLima Staffel. Total eindruckvoll 3 von diesen Riesenschiffen am Himmel zu sehen. Einige sind dann am Sonntag noch geflogen – zum Teil nach Hause. Andere – wie auch Juppi und ich – haben sich über den Asphalt auf den Weg in die Heimat gemacht.

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2×3 Raritäten. Die drei PA18 der BL Staffel schleppen die drei Glasflügel 604 in Formation. Bild: (c) Peter Selinger

Ein großartiges Wochenende ging so viel zu schnell zu Ende. Dank an dieser Stelle an die Organisatoren, die emsige Truppe der Saulgauer Segelflieger und alle, die mitgeholfen haben, dieses Wochenende zu gestalten. Es war echt große klasse.

Das Beitragsbild ist von Andy Hemminger (andy.hemminger@gmx.de). Vielen Dank dafür, dass ich es benutzen darf.

Die „offizielle“ Bildergalerie des Treffens gibt es hier.

Ausserdem gibt es auf Flickr auch noch Glasflügel-Fly-In-Bilder von Reinhard Rapp.

Wer noch weitere Bilder hat, kann mir die Links gern zusenden, ich füge sie dann hier noch an.

22 sec Glück
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22 sec Glück

Da stehen wir also: meine Wenigkeit, ein paar andere Typen, die genau wie ich in die Kategorie alter Sack gehören, und ca. 30 Jugendliche der Luftsportjugend NRW. Neugierige Blicke wandern durch den Hangar des Oldtimer Segelflugclubs Wasserkuppe. Wir alle, die wir mit mehr oder weniger modernen Plastikfliegern durch die dritte Dimension sausen, schauen neugierig und ein wenig skeptisch auf die alten Schätze vor uns. Schaut aus, wie im Museum neben an, nur dass diese Flugzeuge hier alle zugelassen sind. Und einer dieser alten Vögel macht uns besonders neugierig: der SG 38, auf dem wir nachher hoffentlich alle unseren ersten Gummiseilstart machen werden.

Neugierige Blicke mustern den SG38 - unser Spielzeug für 2 Tage

Neugierige Blicke mustern den SG38 – unser Spielzeug für 2 Tage

Schwarz-Weisse Bilder aus Peter Riedels Büchern vom Anfang der Segelfliegerei schiessen mir durch den Kopf. Von jungen durchtrainierten Männern, die einen dieser Schulgleiter mit Muskelkraft den Hang hoch zur Startstelle wuchten. Das Ding wiegt zwar nur 120kg – aber im weichen, steilen Untergrund der Wasserkuppe ist das wahrlich kein Kindergeburtstag. Worauf hab ich mich bloss eingelassen. Bestimmt kack ich nach 3x Seilausziehen schon ab. Von wegen Durchtrainiert. Schuldbewusst nehme ich mir vor, doch wieder mehr zu joggen. Und mich mit meinen 52 Jahren nicht mehr zu solchem Unsinn anzumelden.

Sepp erläutert uns die Strafen

Sepp erläutert uns die Strafen

Nach der freundlichen Begrüßung durch Opa, spricht jetzt Sepp zu uns. Sepp, ein sympathischer Bursche aus Österreich,  ist unser Fluglehrer und erklärt uns erstmal sämtliche Strafen, die man sich als unkundiger Gummiseilflieger einfangen kann:
von rechts auf den Schulgleiter steigen: Kiste Bier.
beim Start die Mütze verlieren: Kiste Bier.
beim Start nach der Mütze greifen (ob aufm Kopf oder am Wegfliegen ist egal): Kiste Bier.
bei (oder vor) der Landung schonmal das Fahrwerk (die Beine) ausfahren: Kiste Bier.
absteigen, bevor das Rückholteam da ist: Kiste Bier.
auf’s Gummilseil latschen: Kiste Bier
das Gummiseil durch den Matsch ziehen: Kiste Bier (es wird getragen!)
usw.
usf.
Ich hab bestimmt die Hälfte vergessen.

Ansonsten scheint aber so ein Schulgleiter, den Eindruck erweckt Sepp jedenfalls, ein ziemlich normales Flugzeug zu sein: Knüppel nach vorn – große Häuser, Knüppel nach hinten – kleine Häuser. Ok, klingt vertraut.

Dann geht’s raus zum Start. Das übliche Prozedere, wie auf jedem Flugplatz: allen Kram auf einen Anhänger und an den Start damit. Dann mit dem Trecker wieder zur Halle und das Fluggerät holen. Das allerdings ist im Vergleich zur Windgeschwindigkeit so leicht und filigran, dass es immer festgehalten und beim Transport durch einen Piloten beschwert werden muß.

SG 38 Transport - geht nur mit zusätzlichem "Beschwerer"

SG 38 Transport – geht nur mit zusätzlichem „Beschwerer“

Startaufbau erst auch noch normal. Aber dann die Sache mit dem Gummiseil. 32 unkundige Hände versuchen unter Sepps strengen Blicken das lange Seil irgendwie V-Förmig vor die Startstelle zu legen (ohne drauf zu latschen oder es in den Matsch zu schmeissen, ihr wißt schon, die Bier-Kisten). Sepp hat gute Nerven und eine laute Stimme und nach kaum 10 Minuten liegt das Seil halbwegs richtig.

Jetzt wird die Haltemannschaft eingewiesen. 6 Mann halten dem Zug der 16 Gummihunde so lange Stand, bis Sepp das Kommando „Los“ geben wird – oder bis sie nach vorn umgerissen werden und im Matsch landen. Dabei ist es gaaanz wichtig, die Pfoten auf „Los“ sofort vollständig vom Seil zu lösen. Wenn man diesen Rat nicht beherzigt hat man hinterher angekokelte Handinnenflächen und – richtig vermutet – muss zur Strafe noch ne Kiste Bier bezahlen.

Der große erste Moment rückt näher. Die Mannschaften werden noch instruiert, wie Sepp’s Kommandos zu bestätigen sind: mit lauter Stimme wird aus freudiger Kehle  „Feddich“ gebrüllt. Diese akustische Koordination stellt die Anwesenden später vor die allergrössten Herausforderungen und spornt auch Sepp zu noch intensiverer Ansprache an.

Die Gummihunde warten auf Sepps Kommandos

Die Gummihunde warten auf Sepps Kommandos

Zunächst fliegen die Profis: Sepp und Jeannette schauen erstmal, ob das Ding heute überhaupt fliegt.  Jeannette legt mit 28 Flugsekunden schonmal einen echte Superzeit vor. Erstaunlich, wie schnell man von Superorchidee zu Rhöngeist umschalten kann und 28sec toll findet.

Der erste Start der Nordrhein-Vandalen steht an. Sepp ruft „Haltemannschaft“ und etwa 10-stimmig antworten die 6 Burschen am Heck „Feddich“. Mist, wir sollten ja mit einer Stimme antworten. Steht auf Mehrstimmigkeit auch ne Kiste? Wir wissen es nicht ganz genau und strengen uns beim 2. Versuch von Sepp besonders an. „Feddich“ – mit leichtem Hall bekommen wir es hin. Jetzt die Startmannschaft. „Startmannschaft“ brüllt Sepp gegen den Wind. Die einen antworten gar nicht, die anderen antworten „Jo“ oder „was geht?“, einer sagt „Feddich“. Sepp ringt mit seiner Contenance (und fragt sich vermutlich, warum dieser Teil nicht auch auf der Strafliste steht). „Startmannschaft“ ruft Sepp nochmal. Diesmal klappt’s besser und mit etwas Phantasie kann man ein kollektives „Feddich“ vernehmen. „Ausziehen“ kommt das Kommando. Die Startmannschaft geht mit dem Seil (ohne draufzulatschen) V-förmig den Hang runter. „Laufen“, kommt jetzt von Sepp, die Jungs fangen an hangabwärts zu rennen. Aber das Gummiseil zieht und alles geht für Sepps Geschmack viel zu zaghaft: „Laufen!!“ ermahnt er nochmals. Stand auf zu langsames Laufen nicht auch ne Kiste? Hinten merkt man jetzt den Zug schon deutlich und ahnt, dass 6 SG-Halter keine Chance haben werden gegen 16 SG-Zieher. Endlich das Kommando „Los“. Wir lassen los, niemand verbrennt sich die Hände, die Strafliste bleibt frei und der SG zischt davon.

Airborne - nur mit der Kraft der Gummihunde

Airborne – nur mit der Kraft der Gummihunde

Aber der Pilot landet vor dem schrägen Querweg. Da sollten wir nicht landen hat Sepp gesagt. Da ist Matsch. Und Strafkistenzone. Super. Erster Start, erste Kiste. Das kann ja heiter werden.

Das mit dem "Feddich" läuft anfangs noch nicht so rund

Mit der Zeit spielt sich der Flugbetrieb ein. Wir bekommen unser „Feddich“ und die Aufstellungen immer besser hin. Fängt an gut zu klingen – und nach den mahnenden Worten von Kai, laufen die Gummihunde tatsächlich auch richtig schnell den Berg runter, wenn Sepp „Laufen“ ruft. Kai hatte mit einem Trick gearbeitet und den Gummihunden gesagt, die OSC Profis seien sich sicher: NRW heißt Niemand Rennt Weniger. Das saß.

Der Rücktransport erfolgt entgegen meinen Befürchtungen nicht mit der Hand, sondern mit dem Trecker. Das ist zwar eine große Erleichterung, dauert aber dennoch immer noch ein ganzes Weilchen. Erst als wir entdecken, dass man schon losfahren kann wenn der SG noch oben steht, wird auch das Rückholen flüssiger.

Rücktransport - entgegen meinen Befürchtungen mit einem Trecker

Rücktransport – entgegen meinen Befürchtungen mit einem Trecker

Ich hatte noch Freunde mit dabei, die mit der Fliegerei nichts zu tun haben. Für die war natürlich einrseits diese archaische Form des Fliegens spannend. Aber auch Ihre Beobachtungen am Segelflugstart fand ich äußerst witzig. Die haben Dinge wahrgenommen, die ich als alter segelfliegender Sack gar nicht mehr wahrnehme. Die wahnsinnige Motivation der gesamten Truppe zum Beispiel. Die große Disziplin und bei allem Geblödel auch das hohe Verantwortungsbewusstsein. Die vielen „guten Typen“, die sich an so einem Segelflugstart herumdrücken. Und sie haben auch lernen müssen, dass an Segelflug-Startstellen Termitenschwärme hausen, die sofort jede Nahrung vertilgen, die unbeaufsichtigt herumliegt (Lebkuchen mit ahler Wurscht zum Beispiel).

Als die Regenfront näher rückt haben wir ca. 3/4 der Truppe durch. Die anderen kommen morgen dran. Wenn man bedenkt, dass Segelfliegen ja generell schon ein Hobby ist, bei dem Aufwand und Erlebnis manchesmal in einem äußerst zweifelhaften Verhältnis zueinander stehen, dann muß man sagen, dass Gummiseilfliegen die Königsdisziplin ist. So haben unsere Vorväter (meine ersten Fluglehrer!) also fliegen gelernt, 22 sec für ein ganzes Wochenende runterrennen, raufklettern, festhalten und reparieren: Hut ab. Andererseits: jeder und jede, die den SG geflogen ist, hatte hinterher so ein derartiges Breitgrinsen im Gesicht, dass der Aufwand absolut gerechtfertigt scheint.

Später haben wir aber auch die Akustik gemeistert.

Ein Riesendank geht an Sepp für die Geduld mit uns (und die Nachsicht bei der einen oder anderen Kiste), Jeannette und die vielen anderen guten Geister von OSC, die diese fliegenden Schätze für uns „Normalflieger“ zugänglich machen. Und Dank an Julia, Kai und Heiner für die Organisation. Das war echt geil. Und für die Mitlesenden Nicht-Segelflieger: all diese Menschen machen das ehrenamtlich (bis auf Heiner :-))

Und hier dann noch der „offizielle Videotrailer“ zu unserem Wochenende:

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Mädels und Fliegen

Sind wir mal ganz ehrlich: Segelfliegen ist zwar von seiner Natur her nicht zwingend Männersport – aber die weibliche Hälfte der Bevölkerung ist in unseren Cockpits doch gegenwärtig deutlich unterrepräsentiert. Ich will jetzt nicht über die Gründe spekulieren – vielleicht mach ich das mal bei einem späteren Artikel. Aber wenn wir als Vereine über Wachstums- und hier und da Überlebensstrategien nachdenken, dann müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass wir bei der holden Weiblichkeit noch erhebliches, nicht ausgeschöpftes Wachstumspotenziel hätten. Wenn wir clever genug wären, an die Damen heranzukommen und sie für unser Hobby zu begeistern.

Ein Rezept, wie man das machen könnte, hab ich natürlich nicht. Und wenn doch, würd‘ ich’s vielleicht erst verraten, wenn unser Verein nicht noch mehr Mädels aufnehmen kann 🙂

Aber ich habe einen interessanten Blog gefunden. Den schreibt Jovana Džalto, eine junge Segelfliegerin. Jung an Jahren und jung im Sinne von Flugerfahrung. Sie hat 2014 begonnen mit der Fliegerei und schreibt sehr unterhaltsam über ihre Erfahrungen beim Einstieg in die Segelfliegerei. Natürlich sind da ganz viele Gedanken, die wenig geschlechtsspezifisch sind: Ohgottohgott, wo soll ich bloss landen. Bin nur noch 900m AGL. Es finden sich aber auch sehr viele, wohl überlegte und analysierte Erkenntnisse über die spezifisch weiblichen Herausforderungen beim Einstieg in unseren lautlosen Sport. Die eine oder andere Erkenntnis von Jovana können wir sicherlich in der Vereinspraxis verwursten. Danke Jovana. Bitte schreib weiter!

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Ausgewandert

So kann’s gehen beim Segelfliegen: toller Plan, aber die Realität ist unkooperativ. Nachdem sich der Samstag ja bereits durch wenig erfolgreiches Wandersegelfliegen hervorgetan hatte, bot der Sonntag in sofern keine Überraschung, dass er mit eher noch schlechterem Wetter aufwarten konnte.

Aber der Reihe nach: Nachdem die DG am Samstag in windeseile abgebaut und im Anhänger verstaut war, mussten sich die Wandersegler aufteilen. Während die Mäxe aussengelandete Clubklassekumpels einsammelten, wurde ich beauftragt, dickere Schlafsäcke zu beschaffen. Denn: es sollte NOCH kälter und NOCH windiger werden. Im Prinzip kein Ding: beim Intersport in Jena gab’s eine große Auswahl dicker Schlafsäcke. Leider aber nur geeignet für Menschen mit dicken Geldbörsen. Nach mehrfachen Telefonaten mit den abrüstenden Schlafsackinvestoren fand sich ein Modell, das sowohl zum Budget passte, als auch versprach, den Schlafsackbewohner hinreichend vor Schafskälte zu bewahren.

Im Zuge dieses Einkaufs befand ich für mich, dass ich nicht 52 geworden bin – und mir einen Platz in der Mitte dieser Gesellschaft erarbeitet habe – um in der Kälte zu schlafen. Ich geb’s zu: ich bin Warmduscher. Der Gasthof zur Schweiz bot ein vernünftiges Preis-Leistungsverhältnis. Ich war somit raus aus der Schlafsacknummer.

Nachdem ich dann am nächsten Morgen – gut gestärkt und nicht ausgekühlt – oben in Schöngleina aufgeschlagen bin, fand ich eine eher blaugefrorene Gruppe missmutiger Segelflieger vor. Ich hatte bereits beim Frühstück sämtliche mir zur Verfügung stehenden Segelflugwettervorhersagen studiert. Das gemeinsame Studium mit den beiden Mäxen veränderte leider auch in keiner Weise die Einschätzung: nördlich der Alpen und Südlich des Skagerak gab’s für die nächsten Tage einfach nirgends eine Chance auf raumgreifendes Fliegen von A nach B (mit A weiter als 50km von B entfernt). Schweren Herzens fiel so die Entscheidung, den Wandersegelflug mit einer Auto-Etappe in die Heimat zu beenden. Schade, schade – aber irgendwann wird das Wetter auch wieder besser. Es hat sich ausgewandert für uns – bevor es noch richtig losgegangen ist.

Kleiner Nachtrag: unsere Werkstattleiter waren begeistert von den XLR Steckern (Buchsen und Kabeln), die wir in Jena gekauft haben. Trotz der etwas dubiosen Kaufumstände.

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Käserundfahrt

Ihr wißt nicht, was eine Käserundfahrt ist? Doch schon, oder wie nennt Ihr einen Rundflug um den Platz bei Euch? Zu mehr hat es leider nicht gereicht. Die nackte Wahrheit, wir sind in Jena gestrandet.

Aber der Reihe nach – heute morgen, als der Wind durch’s Zelt pfiff aber auch die Sonne das Zelt erwärmte, wurden die müden Wandersegler von ihren Wettbewerbskumpels zu einer absolut wandersegleruntauglichen Tageszeit aus den Zelten geworfen. „Aufrüsten, Tanken, los Ihr faulen Säcke“. Missmutig schälen wir uns aus den 38 Lagen Isolierung, die uns die Nacht über vor dem sicheren Tod durch erfrieren behütet haben und helfen, einen Ventus und eine 19 aufzubauen. Als die Maschinen fertig aufgerüstet – und vor allem getankt – im Grid stehen, meldet sich die Wettbewerbsleitung. Nur schwach kann man deren Stimme durch den Regenschauer und das Toben des Windes hören: die Teilnehmer mögen doch bitte erstmal aufhören mit derart törichten Startaufstellungsaktionen. Na, das wird ja noch ein super Tag, denken die Wanderer und wenden sich erstmal genußvoll nassen Brötchen und kaltem Kaffee zu.

Das Briefing, um es kurz zu machen, stellt lediglich ein weiteres Briefing in Aussicht sowie eine generische Aussage, dass es nach Norden und Westen gehen würde. In ein kleines Wetterfenster, das Herr Cameron auf den Weg nach Thüringen geschickt hat. Na super. Wie sollen wir bitte bei derart dämlich gelegten Wetterfenstern bis Mittwoch jeden Abend an einem anderen Flugplatz verbringen?

Wir nutzen die allgemeine Ratlosigkeit und begeben uns auf die Suche nach XLR Steckern und Ladegeräten – wir berichteten, dass wir durch eine Verkettung unvorhersehbarer und fairerweise nicht uns zuzurechnender Umstände, die Ladegeräte in Grefrath liegen gelassen haben. Dumm nur, dass die meisten Läden, die wir anrufen (Tante Google sei dank), entweder gar nicht wissen, was ein XLR Stecker ist, wissen wollen ob wir 60er oder 90er haben wollen (wir dachten immer, dass diese Masszahlen nur bei Frauen angewendet würden) oder sie nehmen nicht ab. Schlußendlich landen wir bei Pianelli. Dieser ganze XLR Krams kommt doch von Musikern. Und richtig, die zwei netten Burschen hinter dem Tresen wissen natürlich, was ein XLR Stecker ist. Unsere Frage, ob sie welche haben, beantworten sie jedoch vieldeutig mit „so welche zum anlöten“. Wir (freudig erregt):“ja genau“. Die Jungs: „Nee, welche zum anlöten haben wir nicht“. Wir sind bereits in einer Diskussion verstrickt, ob eventuell Eberhardt mit dem PA Verleih vielleicht helfen könnte, als es mir wie Schuppen aus den (noch) ungewaschenen Haaren fällt. „Habt vielleicht fertig konfektionierte Kabel“ schreie ich fast. „Ja, klar, brauchen wir ja dauernd“, entgegen die beiden Billy Joels.

Aargh, mal wieder zu präzise gefragt. Schnell schießen wir 3 fertig konfektionierte Kabel zu je 4,95 das Stück. Ok, den strengen Augen unserer Werkstattleiter werden diese Stecker vermutlich nicht genügen (allein schon wegen der dubiosen Umstände ihres Kaufs), aber sei’s drum. Wir sind stolz und finden sie schön.

Jetzt nur noch Ladegeräte. Alle Welt braucht Ladegeräte, wahrscheinlich gibt’s die sogar beim Fleischer. Wir fangen bei Saturn an: Fehlanzeige, OBI Fehlanzeige. Aber ATU – zum Spottpreis von fast 40 Euronen stehen da welche. Das gibt’s doch bestimmt billiger. Wir rufen die umliegenden Modellbauläden an und bekommen einen Herzkasper nach dem anderen. Warum zum Teufel sind diese Ladedingsbumse so teuer. Aber was solls, vermutlich hat sich zu diesem Zeitpunkt in Jena bereits rumgesprochen, wie verzweifelt unsere Lage ist. Olle Ost-Kapitalisten.

So gerüstet fahren wir wieder rauf auf den Flugplatzberg. Startbereitschaft in 45min. Oh-hauerhauer-ha. Wo sollen wir bloss hin – wilde Ideen, von Ritten entlang des Thüringer Waldes ins Alpenvorland geistern durch unsere Köpfe. Alles kein Ding – bei einem 167er Schnitt. Hmm. Schwierig.

Wir bauen erstmal auf, klären mit der Wettbewerbsleitung, dass wir nach dem Feld hochkommen und wissen aber immer noch nicht, wo die Reise hingehen soll. Max und Max sind heute dran. Sie schauen so ratlos, wie alle anderen auch. Das Feld wird rausgeschleppt und bleibt erstaunlicherweise mehrheitlich am Himmel hängen. Also doch: Unterwössen. Oder wenigstens Ottengrüner Heide. Das Feld lichtet sich, die Wilgas haben ganze Arbeit geleistet.

Endlich reisst auch eine dieser Monstren unsere DG an den Himmel. Wir haben abgemacht, ich (Rückholer heute) bleibe mal, wo ich bin und die Mäxe melden sich, wenn sie wirklich los wollen. Einen Großkreis rund um Jena und 22 SMSe später kommt unsere DG wieder. War leider nix mit dem tollen Ritt am Thüringer. Stattdessen hochgeschwindigkeitsabrüsten und dann professionell organisierte Parallelarbeit: Max1 holt Marius wieder, der auf irgendeinem Flugplatz NW Jena eingeschlagen ist. Max2 holt seinen Kumpel wieder, dem er seine DG geborgt hat. Und ich fahr nach Jena und kauf‘ dickere Schlafsäcke. Ab heut Nacht braucht man nämlich Himalaya-taugliche Camping-Ausrüstung in Jena. Die Vorhersagen sprechen von bis zu 0 Grad in der Nacht.

Morgen wollen wir rodeln gehen – geht ja gut, den Berg runter.

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Wie man aus 0,3m/s 420km macht

Der Wetterbericht war gar nicht so schlecht. Ab in den Nordosten stand da im Prinzip. Gute Thermik – zumindest hier und da sollte es geben. Nun gut, also frisch ans Werk. Als Thomas uns um 12:00 hinter die Remo spannt ist der Himmel voll von AC und ganz im Süden sieht man die ersten TCU. Sieht so ein guter Tag aus?

Zur Sicherheit lassen wir von Thomas nicht ab, bis Wanlo unter uns liegt. Es ist 12:15, wir klinken und sinken. Am Kraftwerk kommen wir in ca 600m an. Es begrüßt uns mit viel Geblubber. Im Süden kann man die Front deutlich sehen. So hatten wir das nicht gebucht.

Bis 13:30 versuchen  wir es. Dormagen – Fortuna (das eigentlich Niederaussem heisst) – immer hin und her. Unter uns liegen 2 Kollegen im Acker. Max spricht aus, was wir beide denken: hat keinen Zweck. Heim wird schwierig genug werden. Bei Wanlo sehen wir beim Kreisen: das Sauerland baut endlich auf. Doch nochmal versuchen?

Warum nicht: wir sind wandersegler. Und plötzlich geht es richtig ab. Bis Plettenberg ohne viel Aufhebens. Ab dort wird’s zäh. Wir lotsen unseren Rückholer gen Kassel. Der steht aber noch vor Dortmund im Stau. Das Wetter baut ab nach Osten, die Wolken unzuverlässiger. Sontra  als Ziel? Geil wäre Jena, da fliegen zwei Kameraden aus den Verein.

Einstweilen mühen wir uns südlich Kassel an einem Sperrgebiet vorbei. Irgendwie geht es aber immer wieder weiter. Eisenach. Wir stimmen unseren Anhängermann auf Thüringen ein. Die Wolken vor lösen sich schneller auf, als wir hinkommen können. Mist. Der blöde Funk geht nicht mehr. Dumme Sache bei so einem großen Platz, wie Eisenach. Aber die Wartburg schickt einen kleinen Aufwind. Gotha kommt in Reichweite. Dort ist dann leider wirklich Schluss. Richtung Arnstadt stehen noch gute Wolken – leider zu weit für uns. Eine Aussenlandung wollen wir uns und unserem Verfolger nicht zumuten. Ein Flugzeug im Dunkeln  vom Feld holen ist kein Spaß.

Grillkommando in Gotha

Grillkommando in Gotha

Also Gotha. Gegen 18:30 schlagen wir dort ein. Der Platz ist total verwaist. Kein Mensch da. Ans Telefon geht auch niemand. Kaum eine Stunde später sind die Freunde aus Jena mit Bier und Grill zur Stelle. So überbrücken wir die Zeit bis Max mit dem Anhänger eintrifft. Um 21:00 dann schnell Max verpflegen, die DG verstauen und die 90km nach Jena auf der Straße zurücklegen. Hier kommen wir morgen sicher nach dem Wettbewerbsfeld in die Luft.
Erst müssen wir aber noch Ladegeräte bauen. Die Originale haben wir nämlich in Grefrath stehen lassen.

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Wandersegeln 2016

Jetzt ist es schon fast ein Jahr her. Unser erster Wandersegelflug. Das Erlebnis war so eindrucksvoll, dass der Gedanke „nochmal“ schnell aufkam. Leider kann Juppi dieses Jahr nicht – irgendwer muß ja auch sicherstellen, dass die Computer der Republik gewartet werden. Es stellte sich für mich also die Frage: wie wandern? Einfach mit dem Kestrel losfliegen und darauf vertrauen, dass ich immer auf einem Flugplatz aufschlage ist mir dann doch zu abenteuerlich. Was also dann? In meinem Verein gab’s zwar genügend Leute, die den Gedanken ans Wandern toll fanden. Nur Zeit hatten die alle nicht.

Bis auf Max2. Hätt ich auch früher drauf kommen können. Als Student hatte ICH auch immer Zeit zum Fliegen. Und die beiden Max in meinem Verein sind Studenten. Und fanden die Idee geil. Und Zeit hatten sie sowieso. So wird es also dazu kommen, dass wir am 13.5 für 5-6 Tage unsere DG1000 nehmen und losfliegen. Einer fährt, zwei fliegen. Das ist schonmal ein deutlich besseres Verhältnis, als beim letzten Mal. Spielregel: wir fliegen dahin, wo Toptherm blau bis lila vorher sagt. Bleibt nur zu hoffen, dass Petrus kooperativ ist.

Bei meinem Gap Aufenthalt dieses Jahr war er das leider nicht. Von 7 Tagen haben wir an 3 Tagen aufgerüstet. An zwei von den drei Tagen hätten wir im Normalfall nicht aufgerüstet – reine Verzweiflungstaten. Und am einzigen guten Tage waren wir übermütig, sind zu früh gestartet, haben zu früh ausgeklinkt und dann La Motte besichtigt. Hübscher Platz. Aber leider nicht unser Ziel.

La Motte ist gemütlich

Da wir diesmal mit nem schweren Dosi unterwegs sind, müssen wir gegenüber letztem Jahr noch ein paar zusätzliche Bergungsutensilien mitnehmen: 300m Windenseil und wenn möglich ein Flaschenzug. Für den Fall der Fälle.