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Wellenreiten im Rheintal

Mein Verein war in der 2. Julihälfte auf einem Fliegerlager beim FSV Neustadt/W. in Lachen-Speyerdorf. Bei einer sensationell freundlichen Aufnahme, großem Flugspaß und trotz in der 2. Hälfte eher mäßigem Wetter, sind fast 50 Niederrheiner auf ihre Kosten gekommen.

Ein bemerkenswerter Tag

Sehr bemerkenswert war der 21.7. An diesem Tag gelang es einigen Segelfliegern beider Vereine, Wellenformationen quer zum Rheintal zu finden, die uns bis in FL120 trugen. Ich war einer der Glücklichen. Wenn ich Sauerstoff dabei gehabt hätte, wären auch mehr als FL120 möglich gewesen. Aber ohne das lebenswichtige Gas, hab ich mich nicht höher getraut. Freundlicherweise hat der verantwortliche FIS-Lotse die entsprechende Freigabe (auch für den Abstieg) völlig problemlos erteilt. Kleine Anekdote am Rande: Auf meine Frage, in welche Richtung ich denn aus FL120 abgleiten solle, um niemanden zu behindern, kam die lachende Antwort: „Sie können irgendwo hinfliegen, das ist totes Gelände“. Allerdings besitzt mein Flugzeug auch einen Transponder.

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Der Beweis – FL120 über der Pfalz

Es riecht nach Welle

Wir hatten morgens bereits mit einigen Wellenverrückten darüber spekuliert, ob ein Einstieg in Wellen möglich sei. Früh hatten sich an diesem Tag „Wellenkappen“ auf den CU gebildet. Wir konnten uns morgens nur den Auslöser nicht recht erklären. Am Boden war Wind aus SE mit vielleicht 10-15km/h. Die Wellen schienen aber eher W-E ausgerichtet zu sein.

Nachdem wir dann abends bei Weinschorle die Erlebnisse des Tages austauschten, kam immer wieder die Rede auf Thermo-Ondas als möglicher Grund für unsere Höhenflüge. Ich hatte noch dunkel im Hinterkopf, mit 15 oder 16 mal etwas über Thermo-Ondas in Manfred Kreipls tollem Buch „Mit dem Wetter Segelfliegen“ gelesen zu haben. Aber so richtig erinnern konnte ich mich an die Details nicht.

Mit dem Wetter Segelfliegen

Beim erneuten Nachlesen nach dem Urlaub kamen mir jedoch Zweifel. Kreipl schreibt, dass ein orografischer Auslöser für diese Thermik-Wellen erforderlich ist.  „Unsere“ Welle stand aber quer zum Verlauf des Pfälzer Wald (also eher W-E ausgerichtet) und in der Rheinebene. Einzig die Erklärung „C“ (S.88ff),  „Bänder von Cumulus- oder Stratuswolken parallel zum Wind“ könnte passen, wenn man mit „Wind“ den Höhenwind bezeichnet, der in etwa in Basishöhe weht. Denn bodennah hatten wir an diesem Tag eher Wind aus 110 Grad mit 10-15km/h. Ebenso vielleicht Kreipls Erklärung über Massenzunahme in Tälern durch Einströmende Luftmassen.

Alternativ – und für mich passender – kommt auch die Erklärung für „Wellenströmung oberhalb von Cumulusstrassen“ (S. 91 ff) in Frage. Hier ist entscheidend eine Inversion etwas oberhalb des Basis-Niveaus sowie eine in etwa rechtwinklig zum Bodenwind wehende Höhenströmung.

Zahlen, Daten, Fakten

Schauen wir also mal auf die Wetterdaten vom 21.7. Das unten stehende Vertikalprofil (Quelle: weatheronline.de) aus Idar-Oberstein vom 21.7. zeigt eine ausgeprägte Inversion in ca. 2.500m. Außerdem kann man sehen, dass in etwa in 1.500 – 2.000m eine deutliche Winddrehung stattfindet verbunden mit einer erheblichen Zunahme der Windgeschwindigkeit. Leider habe ich keinen Sondenaufstieg finden können aus der Rheinebene, aber am Boden in Lachen-Speyerdorf waren es etwa 110 Grad mit 10-15km/h.

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Vertikalprofil von Idar-Oberstein (Quelle: weatheronline.de)

Auch das Windprofil von Wetter-Jetzt (die Quelle dieser Bilder) zeigt in 3.500ft eine eher südliche bis östliche Strömung im Rheintal, während der Wind bereits in FL85 mit bis zu 25kts aus westlichen Richtungen kommt.

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Windvorhersage von TopMeteo für 3.500ft

20170721-windfl85-de

Windvorhersage von TopMeteo für FL85 – deutlicher Westschwenk und erhebliche Windzunahme

Die Beschreibung von Kreipl passt gut zu dem von mir gefundenen  Einstieg in die Welle. Bereits beim ersten Auskreisen eines Bartes kam mir 200-300m unter der Basis die Turbulenz irgendwie „unpassend“ zur Stärke des Aufwinds vor. Irgendwie fühlten sich die Bärte unter den CU teilweise an, wie Rotoren.  Sehr turbulent, zum Teil nur sehr schwer zu zentrieren und häufig mit „wanderndem“ Zentrum. Ich flog eine lange Cumulus-Wurst in Richtung Osten ab, auf die vor Heidelberg teilweise rabiates Sinken folgte. Da der Odenwald auch nicht so überzeugend aussah, beschloß ich, mal den Welleneinstieg zu versuchen.

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Aufstieg vor der Wolkenwurst. Blick nach W.

Bereits beim ersten Versuch (in etwa bei 12:48 im OLC Viewer) fand ich schwaches laminares Steigen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nicht begriffen, dass der Höhenwind aus SW-W wehte und habe eigentlich an der falschen Seite (S bis SE) der Wolke gesucht. Nachdem ich allerdings die Basis überstiegen hatte und mich quasi vor einer riesigen Wolkenwurst (immer noch die, unter der ich von Neustadt bis Hockenheim geflogen war) laminar nach oben mogelte, bemerkte ich meinen Fehler. Als ich dann auch begriff, dass der Höhenwind nicht nur die Richtung gewechselt hatte, sondern auch seine Stärke (55km/h lt. xcsoar) klappte es mit dem Aufstieg relativ kommod. Ich hab mich dauernd gewundert, wieso beim Achten fliegen vor der Wolke S-lich von mir neue Kondenzen auftauchten. Bis mir dann klar wurde das nicht S-lich von mir Wolken auftauchten, sondern ich langsam N-lich in die Flusen versetzt wurde.

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Geschafft – über den ersten CUs mit tollem Blick auf Speyer.

Da nach Westen alles relativ wolkenreich aussah , beschloß ich in Richtung Süden zu fliegen (ein Fehler, wie das nachstehende Satellitenbild zeigt), um dort nach weiteren Wellen Ausschau zu halten. Wie man dem OLC Viewer entnehmen kann, gelang mir dies noch 2x. Allerdings waren die dort vorgefundenen Wellen deutlich schwächer und zum Teil auch weniger gut strukturiert. Wie das Satellitenbild von 12:00 UTC zeigt, wäre es viel schlauer gewesen, nach Westen zu fliegen und die dort noch viel ausgeprägteren Wellenstrukturen zu erfliegen. Naja, vielleicht beim nächsten Mal.

Alternativ könnte das natürlich auch eine ganz ordinäre orografische Welle über dem Pfälzer Wald gewesen sein, die ein wenig in die Ebene hineingeschwappt ist (dann wäre Kreipls Thermik-Onda doch wieder im Rennen). Um das beurteilen zu können, fehlt mir aber die Kenntnis der Hardt- und sonstigen Pfälzer-Wald Wellen.

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Wellenstrukturen bis weit nach Luxemburg und Frankreich hinein (Quelle: TopMeteo)

Fazit

Ich tendiere dazu, dass wir an diesem Tag nicht in einer Thermo-Onda unterwegs waren – auch wenn einige Indikatoren dafür sprechen könnten. Die von Kreipl beschriebenen Wellen quer zu Wolkenreihungen scheinen mir eher der Grund für unsere schönen Flüge gewesen zu sein. Sowohl die Richtung der Reihungen, als auch die Lage der Wellen passt gut zu den am 21.7. vorgefundenen Windbedingungen.

In jedem Fall werde ich zukünftig auch genauer auf die Richtung des Höhenwindes achten (oberhalb der vorhergesagten Arbeitshöhe). Hab ich bisher meist ignoriert – ein Fehler, wie dieser Tag zeigt.

Wer sich an Diskussion und/oder Spekulation zu den Welleneffekten des 21.7. beteiligen mag, kann dies gern über die Kommentarfunktion hier tun. Ich freue mich über erhellende Erkenntnisse.

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