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Veteranenschau – Glasflügeltreffen in Saulgau

Ich wollte immer einen Kestrel haben. So lange ich denken kann. Und das reicht ungefähr zurück bis an den Anfang der 70er Jahre. Ich glaube heute, dass das ZDF daran schuld ist. Erinnert sich noch wer an den „ZDF Sportspiegel“ über Jochen von Kalckreuth? Vor ein paar Jahren hab ich mir vom ZDF eine DVD mit der Kopie der Sendung bestellt. Karl Senne hat Jochen über einige Tage begleitet bei dem Versuch ein 850km Dreieck (oder lieber noch etwas mehr) in den Alpen zu fliegen. In dem 45min Beitrag fliegt dauernd Jochens Kestrel „Orion“ durch’s Bild. Und beim Wiederansehen fiel’s mir wieder ein: ja, genau so einen wollte ich damals fliegen können. Das muß 1976 gewesen sein und ich musste noch 2 Jahre warten, bis ich überhaupt Segelfliegen lernen konnte. Es hat dann noch ca. 33 Jahre gedauert. 2008 hatte ich die Chance, in eine Haltergemeinschaft eines Kestrel (WNr. 105, BJ 1974) einzusteigen. Mein Traum ging in Erfüllung. Und irgendwie hab ich den Kestrel eigentlich nie als Oldtimer betrachtet – so wie man vielleicht einen alten Buckel-Volvo als Oldtimer betrachten würde. In der nunmehr 9. Saison begleitet er mich eben als „mein Flugzeug“ durch meine Segelfliegerei. Mir kam nie so wirklich in den Sinn, dass ich mit einem echt alten Kasten in der Weltgeschichte rumfliege.

Das ZDF hat in der Reihe „Der Sportspiegel“ am 15. September 1976 einen 
Bericht über Jochen von Kalckreuth gesendet, den man auf DVD bestellen 
kann.

Die Adresse lautet:
Zweites Deutsches Fernsehen
HA Honorare und Lizenzen
Programmverwertung und -übernahme
ZDF-Straße 1
D-55127 Mainz
Die E-Mail Adresse ist: programmservice@zdf.de

Das hat sich letztes Wochenende geändert. Ich war zum 2. Mal auf einem Glasflügeltreffen. Nach 2015 in Rheinermark war ich dieses Jahr zum 50. Jahre Jubiläumstreffen in Bad Saulgau. Da waren noch ca. 90 andere Glasflügelmaschinen mit zusammen gut 200 Glasflügel Fans. Mir wurde da erst so richtig bewußt – ich fliege einen Oldtimer. Eigentlich sollte ich beim LBA das Kennzeichen D-2402H beantragen. Mir wurde schmerzlich bewußt, wie alt mein Flugzeug – und die vielen anderen Maschinen (und manche Piloten :-P) in Saulgau – eigentlich schon ist.

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Eine BS1 (WL) – einer der Urväter des GFK Serienbaus.

Das hat mich in eine Art Sinnkrise gestürzt. Muß ich jetzt über eine Generalrestauration nachdenken? Darf ich meinen geliebten Kestrel nur noch zu Oldtimer-Treffen aus dem Anhänger ziehen? Muß ich dauernd mit einem Putzlappen drüberwienern? Darf man den nur noch mit so weißen Baumwollhandschuhen aufrüsten? Ich weiß nicht. Vielleicht kommt das ja noch so? Oder weggeben und was Neuers kaufen? Bringe ich nicht übers Herz. Vermutlich müssen wir gemeinsam (ganz) alt werden.

Aber eigentlich wollte ich ja vom Glasflügeltreffen 2016 berichten. Juppi – mein Haltergemeinschafts-Kestrel-Partner – und ich sind am Freitag morgen los. Eigentlich wollten wir früh los. Aber dann haben wir uns doch erst um 9:30 am Platz verabredet. Man wird halt alt. Und wir kommen vom Niederrhein!

Camping-Krams in Juppis Kombi laden, Anhänger checken und los. Schon in Mönchengladbach – kaum 25km nach dem Start – fiel uns auf: wo ist eigentlich das Bordbuch? Kurzes Nachdenken. Im Spind. In Grefrath. Super Sache. Also runter von der Bahn mit dem Krokodiltransporter, wenden und zurück zum Flugplatz. So kann man den Tag auch verbringen.

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Glasflügel Flugzeuge, soweit das Auge reicht. Unser Anhänger steht ganz hinten, kurz vor’m Bodensee. Bild: (c) Jan Max Mayer

Im 2. Anlauf sind wir dann tatsächlich mit allem losgefahren, was wir brauchen. Immer um die Staus herum. Bis Filderstadt. Ab da hat uns das Navi durch die schwäbische Pampa nach Saulgau geleitet. Eigentlich ist das gar keine so weite Entfernung. Nicht für einen Nordrhein-Vandalen jedenfalls. Aber die Alb und Oberschwaben sind voll von fleißigen Bauern, Handwerkern und Vespa-Fahrern. Hinter denen sind wir vorsichtshalber ganz behutsam nach Saulgau gefahren. So haben wir rekordverdächtige 7:30h für 600km gebraucht.

Bestimmt sind wir die ersten. Die meisten Teilnehmer kommen sicher von der Alb. Die tauchen dann erst Samstag morgen auf. Das war zumindest bis kurz vor dem Flugplatz unsere Erwartungshaltung. Unser Stellplatz in Saulgau lag dann allerding bereits im Seewind-Bereich des Bodensees. Ich glaube, wir waren die vorletzten oder so. Jedenfalls stand der Flugplatz Saulgau bereits am Fr. knallevoll mit historischen Flugzeugen aus den Anfängen des GFK Zeitalters. Und wir ganz hinten. Wären wir mal früher losgefahren.

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Gemütliches Klönen an historischem Ort: hier wurden unsere Schätze endmontiert. Im Hintergrund ein „Hippie“. Bild: (c) Jan Max Mayer

Und wie immer, wenn man irgendwo auf eine größere Gruppe von Segelfliegern trifft: man kennt garantiert einen oder kennt einen der einen kennt, usw. Auf jeden Fall waren wir bereits vor dem erfolgreichen Zusammenbau der Zelte auf ein gutes Dutzend bekannter Gesichter gestossen. Schön. So durfte das weitergehen. Dennoch: trotz der vielen Piloten und Flugzeuge fanden wir einen prima Platz auf dem zum Campingplatz umfunktionierten Kinderspielplatz. Nach einem gemütlichen Abend mit alten und neuen Bekannten und Geschichten dann einrollen zur kalten Nacht im Zelt.

Morgens ein 1A Frühstück vom Flugplatzwirt. Ich bin beruflich viel auf Achse – und ich kenne eine Menge Hotels, deren Frühstück es nicht aufnehmen kann mit dem, was wir in Saulgau bekommen haben. 1A. Allererste Sahne. Dann Briefing: schwäbisch entspannt. Ha-No, Ihr hennts ja gsähn. Där Platz isch ziemlich voll. Ihr misset halt Geduld habn und macht’s ka Sträß. Des isch a Hobby.

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4 PA 18 (drei von der BL Staffel) haben uns in die Luft gezerrt

Streß machen war auch gar nicht nötig. Mit 5 Schleppern konnten sich die ca. 60 flugwilligen Oldtimer-Besitzer an den schönen blau-weißen oberschwäbischen Himmel ziehen lassen. Ein schöner Flugtag nahm seinen Gang. Und in seinem Verlauf konnte man am Himmel so ziemlich alles fliegen sehen, was jemals die Hallen in Saulgau verlassen hatte: doppelrädrige Libelle, drei (in Worten 3) 604, zwei BS1, Kestrelletten und Libellen so weit das Auge reicht. Bis auf einen etwas unglücklichen Landeschaden (GFK kaputt, Pilot unversehrt) haben alle diesen „Großansturm“ gut überstanden. Nicht zuletzt dank der hervorragenden Arbeit und trotz großer Hitze hochmotivierten Mitglieder der Saulgauer Segelflieger und der fünf nimmermüden Schlepper.

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Wunderschöner Keschtrel in wunderschöner Lackierung.

Das Highlight des Abends dann schwäbische Küche, ein Vortrag von Peter Selinger und Anekdoten von gut 10 anwesenden Ex-Glasflügel-Mitarbeitern. Ich will ehrlich sein – mit der schwäbischen Küche werde ich nicht mehr warm auf meine alten Tage. Dafür waren Peter und die Glasflügel-Gang umso besser und haben mir geholfen, über den Kohlehydrat-Schock hinwegzukommen.

Peter berichtete über die „ersten 10 Jahre“ des Glasfaserverbundbaus von Segelflugzeugen sowie die bis in die 1940er Jahr zurückreichenden Wurzeln eben dieser Bauweise. Hochinteressant. Wußte jemand, dass die Japaner bereits in den 40er Jahren Flugzeuge aus Verbundmaterialien gebaut haben? Auch Peter hat das erst jüngst erfahren.

 

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Diese Herren haben (unter anderem) unsere geliebten Glasflügel Flugzeuge entworfen und hergestellt. Bild: (c) Jan Max Mayer

Danach Anekdoten und Geschichten aus der Zeit der Firma Glasflügel. Wir haben gelernt, das Eugen bei Bruchversuchen lieber nie dabei war. Und dass Heli Lasch bei einem Absprung aus einer abmontierten BS1 einen Schuh verloren hat.Das Ganze mit einem Fallschirm von 1945, von dem niemand so genau wußte, ob überhaupt sich überhaupt ein Fallschirm im innern befindet. Und garniert mit dem Kommentar: „I hen die schöne BS1 zerschmissen“.

Sepp Prasser erläuterte uns, warum er die „Hänle-Tüte“ erfunden hat und wieso er einen Parallelogramm-Knüppel ersonnen hat. Wir erfuhren von Prä-Computer-Zeit Rechenverfahren für die Auslegung von Flügeln: „nä, des langt net, da misset noch a paar Lage mähr Gewäbe nauf“. Schon beeindruckend, wie leicht es mal war, gute Flugzeuge zu bauen. Heute sind die Flugzeuge von vornherein perfekt. Das LBA und die EASA erhalten jeweils eine Tonne Papier. Aber wie sie wohl in 40 Jahren aussehen, diese Flugzeuge. Ein wirklich interessanter Abend verging wie im Fluge.

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Premiere: unser Keschtrel nächtigt draussen

Am Sonntag – nach einem erneuten Bombemfrühstück – Formationsfliegen der drei 604 im Schlepptau der BravoLima Staffel. Total eindruckvoll 3 von diesen Riesenschiffen am Himmel zu sehen. Einige sind dann am Sonntag noch geflogen – zum Teil nach Hause. Andere – wie auch Juppi und ich – haben sich über den Asphalt auf den Weg in die Heimat gemacht.

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2×3 Raritäten. Die drei PA18 der BL Staffel schleppen die drei Glasflügel 604 in Formation. Bild: (c) Peter Selinger

Ein großartiges Wochenende ging so viel zu schnell zu Ende. Dank an dieser Stelle an die Organisatoren, die emsige Truppe der Saulgauer Segelflieger und alle, die mitgeholfen haben, dieses Wochenende zu gestalten. Es war echt große klasse.

Das Beitragsbild ist von Andy Hemminger (andy.hemminger@gmx.de). Vielen Dank dafür, dass ich es benutzen darf.

Die „offizielle“ Bildergalerie des Treffens gibt es hier.

Ausserdem gibt es auf Flickr auch noch Glasflügel-Fly-In-Bilder von Reinhard Rapp.

Wer noch weitere Bilder hat, kann mir die Links gern zusenden, ich füge sie dann hier noch an.

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  1. Pingback: Ein Gespräch mit Josef Prasser | Windreiter

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