22 sec Glück
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22 sec Glück

Da stehen wir also: meine Wenigkeit, ein paar andere Typen, die genau wie ich in die Kategorie alter Sack gehören, und ca. 30 Jugendliche der Luftsportjugend NRW. Neugierige Blicke wandern durch den Hangar des Oldtimer Segelflugclubs Wasserkuppe. Wir alle, die wir mit mehr oder weniger modernen Plastikfliegern durch die dritte Dimension sausen, schauen neugierig und ein wenig skeptisch auf die alten Schätze vor uns. Schaut aus, wie im Museum neben an, nur dass diese Flugzeuge hier alle zugelassen sind. Und einer dieser alten Vögel macht uns besonders neugierig: der SG 38, auf dem wir nachher hoffentlich alle unseren ersten Gummiseilstart machen werden.

Neugierige Blicke mustern den SG38 - unser Spielzeug für 2 Tage

Neugierige Blicke mustern den SG38 – unser Spielzeug für 2 Tage

Schwarz-Weisse Bilder aus Peter Riedels Büchern vom Anfang der Segelfliegerei schiessen mir durch den Kopf. Von jungen durchtrainierten Männern, die einen dieser Schulgleiter mit Muskelkraft den Hang hoch zur Startstelle wuchten. Das Ding wiegt zwar nur 120kg – aber im weichen, steilen Untergrund der Wasserkuppe ist das wahrlich kein Kindergeburtstag. Worauf hab ich mich bloss eingelassen. Bestimmt kack ich nach 3x Seilausziehen schon ab. Von wegen Durchtrainiert. Schuldbewusst nehme ich mir vor, doch wieder mehr zu joggen. Und mich mit meinen 52 Jahren nicht mehr zu solchem Unsinn anzumelden.

Sepp erläutert uns die Strafen

Sepp erläutert uns die Strafen

Nach der freundlichen Begrüßung durch Opa, spricht jetzt Sepp zu uns. Sepp, ein sympathischer Bursche aus Österreich,  ist unser Fluglehrer und erklärt uns erstmal sämtliche Strafen, die man sich als unkundiger Gummiseilflieger einfangen kann:
von rechts auf den Schulgleiter steigen: Kiste Bier.
beim Start die Mütze verlieren: Kiste Bier.
beim Start nach der Mütze greifen (ob aufm Kopf oder am Wegfliegen ist egal): Kiste Bier.
bei (oder vor) der Landung schonmal das Fahrwerk (die Beine) ausfahren: Kiste Bier.
absteigen, bevor das Rückholteam da ist: Kiste Bier.
auf’s Gummilseil latschen: Kiste Bier
das Gummiseil durch den Matsch ziehen: Kiste Bier (es wird getragen!)
usw.
usf.
Ich hab bestimmt die Hälfte vergessen.

Ansonsten scheint aber so ein Schulgleiter, den Eindruck erweckt Sepp jedenfalls, ein ziemlich normales Flugzeug zu sein: Knüppel nach vorn – große Häuser, Knüppel nach hinten – kleine Häuser. Ok, klingt vertraut.

Dann geht’s raus zum Start. Das übliche Prozedere, wie auf jedem Flugplatz: allen Kram auf einen Anhänger und an den Start damit. Dann mit dem Trecker wieder zur Halle und das Fluggerät holen. Das allerdings ist im Vergleich zur Windgeschwindigkeit so leicht und filigran, dass es immer festgehalten und beim Transport durch einen Piloten beschwert werden muß.

SG 38 Transport - geht nur mit zusätzlichem "Beschwerer"

SG 38 Transport – geht nur mit zusätzlichem „Beschwerer“

Startaufbau erst auch noch normal. Aber dann die Sache mit dem Gummiseil. 32 unkundige Hände versuchen unter Sepps strengen Blicken das lange Seil irgendwie V-Förmig vor die Startstelle zu legen (ohne drauf zu latschen oder es in den Matsch zu schmeissen, ihr wißt schon, die Bier-Kisten). Sepp hat gute Nerven und eine laute Stimme und nach kaum 10 Minuten liegt das Seil halbwegs richtig.

Jetzt wird die Haltemannschaft eingewiesen. 6 Mann halten dem Zug der 16 Gummihunde so lange Stand, bis Sepp das Kommando „Los“ geben wird – oder bis sie nach vorn umgerissen werden und im Matsch landen. Dabei ist es gaaanz wichtig, die Pfoten auf „Los“ sofort vollständig vom Seil zu lösen. Wenn man diesen Rat nicht beherzigt hat man hinterher angekokelte Handinnenflächen und – richtig vermutet – muss zur Strafe noch ne Kiste Bier bezahlen.

Der große erste Moment rückt näher. Die Mannschaften werden noch instruiert, wie Sepp’s Kommandos zu bestätigen sind: mit lauter Stimme wird aus freudiger Kehle  „Feddich“ gebrüllt. Diese akustische Koordination stellt die Anwesenden später vor die allergrössten Herausforderungen und spornt auch Sepp zu noch intensiverer Ansprache an.

Die Gummihunde warten auf Sepps Kommandos

Die Gummihunde warten auf Sepps Kommandos

Zunächst fliegen die Profis: Sepp und Jeannette schauen erstmal, ob das Ding heute überhaupt fliegt.  Jeannette legt mit 28 Flugsekunden schonmal einen echte Superzeit vor. Erstaunlich, wie schnell man von Superorchidee zu Rhöngeist umschalten kann und 28sec toll findet.

Der erste Start der Nordrhein-Vandalen steht an. Sepp ruft „Haltemannschaft“ und etwa 10-stimmig antworten die 6 Burschen am Heck „Feddich“. Mist, wir sollten ja mit einer Stimme antworten. Steht auf Mehrstimmigkeit auch ne Kiste? Wir wissen es nicht ganz genau und strengen uns beim 2. Versuch von Sepp besonders an. „Feddich“ – mit leichtem Hall bekommen wir es hin. Jetzt die Startmannschaft. „Startmannschaft“ brüllt Sepp gegen den Wind. Die einen antworten gar nicht, die anderen antworten „Jo“ oder „was geht?“, einer sagt „Feddich“. Sepp ringt mit seiner Contenance (und fragt sich vermutlich, warum dieser Teil nicht auch auf der Strafliste steht). „Startmannschaft“ ruft Sepp nochmal. Diesmal klappt’s besser und mit etwas Phantasie kann man ein kollektives „Feddich“ vernehmen. „Ausziehen“ kommt das Kommando. Die Startmannschaft geht mit dem Seil (ohne draufzulatschen) V-förmig den Hang runter. „Laufen“, kommt jetzt von Sepp, die Jungs fangen an hangabwärts zu rennen. Aber das Gummiseil zieht und alles geht für Sepps Geschmack viel zu zaghaft: „Laufen!!“ ermahnt er nochmals. Stand auf zu langsames Laufen nicht auch ne Kiste? Hinten merkt man jetzt den Zug schon deutlich und ahnt, dass 6 SG-Halter keine Chance haben werden gegen 16 SG-Zieher. Endlich das Kommando „Los“. Wir lassen los, niemand verbrennt sich die Hände, die Strafliste bleibt frei und der SG zischt davon.

Airborne - nur mit der Kraft der Gummihunde

Airborne – nur mit der Kraft der Gummihunde

Aber der Pilot landet vor dem schrägen Querweg. Da sollten wir nicht landen hat Sepp gesagt. Da ist Matsch. Und Strafkistenzone. Super. Erster Start, erste Kiste. Das kann ja heiter werden.

Das mit dem "Feddich" läuft anfangs noch nicht so rund

Mit der Zeit spielt sich der Flugbetrieb ein. Wir bekommen unser „Feddich“ und die Aufstellungen immer besser hin. Fängt an gut zu klingen – und nach den mahnenden Worten von Kai, laufen die Gummihunde tatsächlich auch richtig schnell den Berg runter, wenn Sepp „Laufen“ ruft. Kai hatte mit einem Trick gearbeitet und den Gummihunden gesagt, die OSC Profis seien sich sicher: NRW heißt Niemand Rennt Weniger. Das saß.

Der Rücktransport erfolgt entgegen meinen Befürchtungen nicht mit der Hand, sondern mit dem Trecker. Das ist zwar eine große Erleichterung, dauert aber dennoch immer noch ein ganzes Weilchen. Erst als wir entdecken, dass man schon losfahren kann wenn der SG noch oben steht, wird auch das Rückholen flüssiger.

Rücktransport - entgegen meinen Befürchtungen mit einem Trecker

Rücktransport – entgegen meinen Befürchtungen mit einem Trecker

Ich hatte noch Freunde mit dabei, die mit der Fliegerei nichts zu tun haben. Für die war natürlich einrseits diese archaische Form des Fliegens spannend. Aber auch Ihre Beobachtungen am Segelflugstart fand ich äußerst witzig. Die haben Dinge wahrgenommen, die ich als alter segelfliegender Sack gar nicht mehr wahrnehme. Die wahnsinnige Motivation der gesamten Truppe zum Beispiel. Die große Disziplin und bei allem Geblödel auch das hohe Verantwortungsbewusstsein. Die vielen „guten Typen“, die sich an so einem Segelflugstart herumdrücken. Und sie haben auch lernen müssen, dass an Segelflug-Startstellen Termitenschwärme hausen, die sofort jede Nahrung vertilgen, die unbeaufsichtigt herumliegt (Lebkuchen mit ahler Wurscht zum Beispiel).

Als die Regenfront näher rückt haben wir ca. 3/4 der Truppe durch. Die anderen kommen morgen dran. Wenn man bedenkt, dass Segelfliegen ja generell schon ein Hobby ist, bei dem Aufwand und Erlebnis manchesmal in einem äußerst zweifelhaften Verhältnis zueinander stehen, dann muß man sagen, dass Gummiseilfliegen die Königsdisziplin ist. So haben unsere Vorväter (meine ersten Fluglehrer!) also fliegen gelernt, 22 sec für ein ganzes Wochenende runterrennen, raufklettern, festhalten und reparieren: Hut ab. Andererseits: jeder und jede, die den SG geflogen ist, hatte hinterher so ein derartiges Breitgrinsen im Gesicht, dass der Aufwand absolut gerechtfertigt scheint.

Später haben wir aber auch die Akustik gemeistert.

Ein Riesendank geht an Sepp für die Geduld mit uns (und die Nachsicht bei der einen oder anderen Kiste), Jeannette und die vielen anderen guten Geister von OSC, die diese fliegenden Schätze für uns „Normalflieger“ zugänglich machen. Und Dank an Julia, Kai und Heiner für die Organisation. Das war echt geil. Und für die Mitlesenden Nicht-Segelflieger: all diese Menschen machen das ehrenamtlich (bis auf Heiner :-))

Und hier dann noch der „offizielle Videotrailer“ zu unserem Wochenende:

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3 Comments

  1. tobiasklinkhamels

    Mich würde interessieren wie viele Kästen es im Endeffekt geworden sind 😀
    Ansonsten super gut geschrieben, hat Spaß gemacht zu lesen. Mit den Videos kann man sich die Situation direkt besser vorstellen.

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