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Gedanken zur Zukunft von Luftsportvereinen

Düsternis allüberall

Die Zukunft ist düster. Immer weniger Segelflieger. Bedrohung allüberall. Bürokratiemonster wo man hinsieht. So oder ähnlich stellt sich vielfach die Perspektive auf das schönste Hobby der Welt dar. Und tatsächlich, bei unserem Wandersegelflug 2015 haben wir viele dieser Bedrohungen ganz real erfahren.

Zahlen, Daten, Fakten

Schauen wir auf die Fakten: Die Zahl der Segelflieger ist tatsächlich rückläufig. Waren es zu Beginn meiner Ausbildung (1978) noch gute 40.000 Segelflieger, sind es heute noch um die 30.000. Ebenso ist die alles erstickende Bürokratie tatsächlich immens gewachsen. Allein Part-M und Part-FCL haben uns tonnenweise Bürokratie beschert. Auch das Bedrohungspotenzial ist ganz sicher nicht kleiner geworden. Ob es aber gegenüber 1978 gewachsen ist – ich bin mir nicht sicher. Hatten wir früher die ADIZ, Tagtieffluggebiete, etc. haben wir heute Windräder, völlig ausufernde Luftraumansprüche seitens der DFS (für zwei Ryanair-Flüge nach Pusemuckel). Andererseits haben wir früher Startlisten und Abrechnung mit Papier und Bleistift gemacht. Heute machen wir das mit PCs, GPS trackern und so weiter.

Darüber hinaus gibt es noch ein paar weitere, nicht unmittelbar durch uns beeinflussbare Tatsachen:  Die Demographie macht allen Vereinen zu schaffen. Gab es 1978 noch 21,5mio Jugendliche unter 20 Jahren, sind es im Jahre 2013 lediglich 14,6mio (Quelle: Destatis). Ein Rückgang von 30%! Um diese Gruppe balgen sich Sportvereine, Fitnesstudios, Musikschulen, die Spiele-Industrie und so weiter und so fort. Rein statistisch muß es heute zwangsläufig aufwendiger sein, Junge Menschen für den Luftsport zu gewinnen, als früher. Diese objektive Erkenntnis deckt sich vermutlich mit der subjektiven Wahrnehmung in ganz vielen Vereinen.

Der zweite Schock aus der Abteilung Zahlen, Daten Fakten: Für das Engagement im Ehrenamt hat jeder Deutsche 2013 statistisch 0:21h pro Tag aufgewendet. Auffällig ist, dass die unter 45-jährigen hier nur zwischen 11min (10-17 jährige) und 16min (30-44 jährige) täglich aufwenden. Bei der Erhebung 2001 war es noch mehr als doppelt so viel Zeit (47min). Ältere Zahlen liegen mir leider nicht vor. Aber schon die Entwicklung der letzten 10 Jahre zeigt einen deutlichen Trend: Eine Halbierung der ehrenamtlichen Arbeit pro Kopf der Bevölkerung. Auch dies, sicherlich eine objektive Erkenntnis, die viele Vereine in ihrem subjektiven Erleben bestätigen können.

Vereinsrealität 2015

Schauen wir mal auf die typische Welt in einem Luftsportverein: eine Gruppe von vielleicht 50-100 Hobbyisten teilt sich eine Flugzeugflotte. Jeder aktive Pilot muss zwischen 50 und 100 ehrenamtliche Arbeitsstunden pro Jahr leisten. Dazu gehören: Betrieb, Reparatur und Wartung der Flugzeugflotte, Ausbildung von Flugschülern, Wartung und Pflege der Immobilien und des Flugplatzes, Management des Vereins und der Flugbetriebsorganisation. Die Abwicklung des Flugbetriebs (Lepo fahren, Winde fahren, Startlisten schreiben, Flugzeuge schieben, etc) obliegt nicht selten der Jugendgruppe – und die ist in manchen Vereinen verschwindet klein geworden.

Gerade der Zeitaufwand für das Management des Flugbetriebes hat in meiner Wahrnehmung deutlich zugenommen. Dank dafür an die EASA, die mit Part-M und Part-FCL wahre Bürokratie-Monster erschaffen hat. Und selbst, wenn die Ankündigungen von Patrick Ky (EASA Chef) Realität wird,  die Bedürfnisse der Allgemeinen Luftfahrt sehr viel mehr zu berücksichtigen – andere Bürokratie-Erzeuger haben sich längst in Stellung gebracht. Die Abwehr von Begehrlichkeiten der Flugplatznachbarn: Windräder, Lärmschutz usw. wird uns mindestens in den dicht besiedelten Gebieten der Republik immer intensiver beschäftigen. An meinem Flugplatz wollten wir die Tankstelle umbauen. Die 120-seitige Stellungnahme der Bezirksregierung zu unserer Voranfrage enthielt sage und schreibe die Forderung nach 20 Gutachten!.

Üblicherweise leisten einige Wenige deutlich mehr ehrenamtliche Arbeit. Nicht unüblich sind darüber hinaus feste Dienstpläne für viele der oben genannten Tätigkeiten. Vielleicht liegt der Flugplatz auch noch etwas ausserhalb, so daß jede Anwesenheit mit einer nicht unerheblichen An- und Abreisezeit verbunden ist.

Mit anderen Worten: Segelfliegen ist eine wirklich zeitaufwändig Sache (hört, hört, keine neuen Erkenntnis, höre ich da den Einen oder Anderen rufen).

Zwischenfazit

In einer Welt, die immer weniger bereit ist, ehrenamtliche Zeit zu investieren betreiben wir ein Vereinsmodell, das in erheblichem Maße genau das Gegenteil von Interessenten und Mitgliedern fordert. Und in Bezug auf neue Mitglieder fordern wir das von einer immer kleiner werdenden Bevölkerungsgruppe. Nicht besonders clever. Gleichzeitig nimmt an vielen Stellen der Arbeitsaufwand so deutlich zu, so dass wir eigentlich noch mehr Engagement fordern müssten. Bloß mit wem?

Und nu?

Da sitzen wir ja in einer schönen Zwickmühle. Mittelfristig kommen wir da nur raus, wenn wir uns deutlich verändern. Als Gruppe sind wir einfach zu klein, um ernsthaft glauben zu können, gesellschaftliche Trends ändern zu können. Wir können nur versuchen, Trends frühzeitig zu erkennen und müssen ihnen folgen – auch wenn nicht jeder von uns in allen Fällen derartige Trends befürworten mag. Die Alternative ist: Anstemmen gegen die Trends, solange es geht und dann mit Würde untergehen.

Das allerdings halte ich persönlich für ne blöde Idee, wenn ich ehrlich bin.

Aber welche Veränderungen sind das und was werden sie für uns bedeuten? Im Kern läuft es wohl auf verschiedene, tiefgreifende Veränderungen hinaus:

  • eine (weitere, werden manche rufen) Kommerzialisierung des Luftsports
  • viel aktivere und vielleicht auch cleverere Mitgliederwerbung
  • massive Effizienzverbesserung und Bündelung von Kräften über Vereinsgrenzen hinweg und in unserem Dachverband.

Kommerzialisierung

Ich denke, Luftsportvereine sollten sich darauf einstellen, mittelfristig zu Luftsport-Unternehmen zu werden. Mit fest angestellten Fluglehrer, festem Betriebspersonal und so weiter.  Wer sich nicht vorstellen kann, wie sowas funktioniert: schaut Euch mal den Betrieb in den Flugschulen des Landes an (Oerlinghausen, Wasserkuppe, Unterwössen, etc). Nur durch „Bestellung“ eines betrieblichen Rückgrats werden wir irgendwann in der Lage sein, Leuten den Wunsch zu erfüllen, morgens schnell mal zum Fliegen zu kommen, um dann mittags mit der Familie an den Strand zu fahren.

Dieses Rückgrat kann man bei sehr großen Luftsportvereinen schon entstehen sehen. Die haben häufig schon einzelne Rollen, die mit fest angestellten Mitarbeitern besetzt sind. Ich bin sicher, das wird zunehmen.

Geht das schlagartig von heute auf Morgen? Keine Ahnung, hängt davon ab, wie rapide sich Demographie und Bereitschaft zum Ehrenamt sich gegen uns richten. Wenn wir Pech haben geht das ruckzuck – und dann fürchte ich, dass viele Vereine auf der Strecke bleiben werden. Die mit einer Kommerzialisierung einher gehende Kulturveränderung in den Vereinen stellt neben den monetären Herausforderungen sicherlich das größte Problem dar.

Mitgliedergewinnung

Eine weitere, tiefgreifende Veränderung muss stattfinden bei der Gewinnung von neuen Segelfliegern. In einer Zeit ohne Internet und mit drei Fernsehprogrammen ab 16:00 (wer erinnert sich noch?) war es nicht so schwierig, Leute vom Unterhaltungswert der Segelfliegerei zu überzeugen wie heute. Und (siehe oben): es sind viel weniger Leute da, die man überzeugen könnte.

Wir können uns also nicht hinsetzen und warten, dass Interessenten zu uns finden (über die schlecht gepflegten Wege durch die Pampa an deren Ende unser Flugplatz liegt). Es braucht professionell organisierte Massnahmen auf breiter Front, um die Öffentlichkeit und vor allem unsere Zielgruppen zu überzeugen, wie toll Segelfliegen ist. Andere Vereine und Verbände machen es uns vor – im Kreis Viersen (wo ich fliege) gibt es im Kreis Sportbund eine volle Stelle für das frühzeitige Sichten von Talenten im Kindergartenalter. Da greifen die ersten Sportvereine schon eine ganze Population ab, die für uns dann nur noch schwer oder gar nicht mehr erreichbar ist. Warum machen wir nicht vergleichbares im Luftsport (natürlich nicht im Kindergarten)?

Mein Verein hat den Luxus im Speckgürtel westlich von Düsseldorf angesiedelt zu sein. Luxus, naja. Der Luftraum C beginnt in 4’500ft über dem Platz, rundrum C, TMZ, CTR was weiß ichnoch. Aber: wir sind über 220 Mitglieder und wir wachsen. Warum? Weil sich ein großer Teil unserer Mitglieder den A**** aufreißt, um junge Menschen an den Luftsport heranzuführen. Luxus aber schon, das will ich nicht verschweigen, weil wir in Fahrradentfernung von 3 größeren Städten und in einer relativ wohlhabenden Gegend liegen.

Das ganze Vereinsmarketing und die Mitgliedergewinnung  ist eine Heidenarbeit. Hier mal ein kleiner Auszug:

  • Durchführen von AGs mit 3 benachbarten Gymnasien samt abschließendem Fliegen im Rahmen eines Schnupperkurses.
  • Werbung auf dem „Familientag“ unserer Gemeinde mit Flugzeug und Flugsimulator.
  • Regelmässige (und erfolgreiche) Pressearbeit
  • Regelmäßige Beziehungspflege mit unseren Lokalpolitikern
  • Aktive Mitarbeit im Kreissportbund
  • Regelmäßig Informationsveranstaltungen für Interessenten, Neue und ihre Eltern
  • Auf- und Ausbau einer möglichst großen Fluglehrergruppe (aktuell 25 Lehrer), um die Belastung für den einzelnen Lehrer nicht überhand nehmen zu lassen.

Damit ist es uns bisher gelungen eine ca. 55 Kopf starke Jugendgruppe aufzubauen bzw. in ihrer Stärke konstant zu halten.

Können wir uns damit gegen den Zeitgeist stellen? Niemals. Wir können den Weg in die schleichende Kommerzialität vielleicht ein paar Jahre verlangsamen. Ob wir ihn aufhalten können? Ich bin da sehr skeptisch.

Effizienzsteigerung

Wir sind knapp 30.000 Segelflieger in Deutschland (der DAeC sagt 100.000 Luftsportler mit allen anderen Luftsportsparten) – und wir leisten uns 16 Landesverbände mit zum Teil (in den größeren Verbänden) festangestellten Mitarbeitern und einem ganzen Rattenschwanz von jeweils länderbezogenen Würdenträgern: Präsidenten, Kommissionsvorsitzenden, Vize-Präsidenten, Beisitzern und was weiß ich mehr.

Die Turniertänzer in NRW sind knap 80.000 Leute – sicher auch nicht direkt eine Trendsportart. Und die schaffen das mit einer kleinen Gruppe von festangestellten und ein par Ehrenamtlern.

Oder andersrum gedacht: wie groß könnten die großen, mit vielen festangestellten ausgestatteten Landesverbände eigentlich noch werden, bevor mehr Festangestellte gebraucht würden? Mein Eindruck: ne ganze Menge könnten die wachsen.

Sind wir eigentlich doof?

Wie kann es sein, dass wir zwar in vielen Landesverbänden festangestellte Mitarbeiter haben, die aber alle dasselbe tun – jeder natürlich auf seiner kleinen Hallig? Ich bin im Hauptberuf Unternehmensberater und wenn ich mir ansehe, welchen Ineffizienzen wir uns leisten, werd ich wahnsinnig. Warum braucht man für so eine kleine Gruppe, wie wir sie sind, so eine ausufernde Organisation mit so vielen Redundanzen. Eine Organisation, in der Zusammenarbeit und „am selben Strang ziehen“ eher zufällig zu entstehen scheinen?

Warum fassen wir das nicht in einer effizienten und schlagkräftigen zentralen, bundesweiten Organisation zusammen. Vom gesparten Geld könnten wir zwei hauptamtliche Rechtsanwälte einstellen, die jedem Windkraftbetreiber und jeder dummen Idee der DFS die passenden Entgegnung um die Ohren hauen könnten? Warum haben wir nicht eine zentrale, bundesweit agierende Marketingtruppe, die alles daran setzt Luftsport bekannt zu machen? Warum fassen wir die Förderung der wenigen Talente, die wir hervorbringen (nicht weil wir so schlecht sind, sondern weil wir so wenige sind) nicht in einer bundesweit agierenden Scouting- und Förderorganisation zusammen? Um 30.000 (oder von mir aus 100.000) Luftsportler zentral vertreten zu können, braucht man einige wenige, aber richtig gute und fokussierte Leute. Wo sind die?

Ich glaube, wir setzen auf Kleinstfürsten und Kleinststrukturen, weil es so viele Leute in unseren Reihen gibt, die an ihren Posten und Pöstchen kleben. Statt schlagkräftig zu werden verlieren wir uns in lokaler Belanglosigkeit.

Was ist bloß mit uns los? Warum ändern wir das nicht.

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2 Comments

  1. Pingback: Make Segelfliegen great again! – frauensegelflug

    • torstenbeyer

      Vereinsdemokratie hin oder her: Trolle gehören nicht in Ämter. Weder in den Vereinigten Staaten noch im Segelflugverein Pusemuckel. Du sprichst mir aus der Seele. Und in unserem Verein setzen wir wirklich alles daran, das umzusetzen, was Du in Deinem Artikel schreibst. Ist nicht immer ganz einfach – aber meist doch.

      In diesem Zusammenhang gibt es ein wirklich lesenswertes, wissenschaftliches Buch über Arschlöcher (bzw. den Umgang mit ihnen): The no asshole rule (Deutsch: Der Arschloch-Faktor)

      Das Buch behandelt eigentlich professionelle Arbeitsumgebungen. Aber vieles passt 1:1 auch auf’s Vereinsleben….

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